Jury 2010



 

Helma Sanders-Brahms

Als beliebte Fernsehansagerin des WDR verdiente sie ihren Lebensunterhalt. Sie wollte aber Schauspielerin werden und eigene Filme drehen. So notierte sie alles, was im Fernsehstudio so passierte. Das war ihre ganz besondere Filmschule neben dem Theaterwissenschaftsstudium an der Kölner Uni. Wilde Zeiten begannen mit einem Spagat zwischen Kunst und Kommerz. 1968 fuhr sie mit dem Nachtzug nach Paris zu den Studentenrevolten in St-Germain-des-Prés, tanzte als gestylte Fernsehsprecherin mit Franz Josef Strauß im Hotel Bayerischer Hof in München und war zugleich eines der "Sexy-mini-super-flower-popop-cola. Alles ist in Afri-Cola"-Girls von Charles Wilp. Dann drehte sie vielbeachtete politische Dokumentarfilme über die Lage der Arbeiter in Deutschland, wie 1969 Angelika Urban. Verkäuferin, verlobt. Ab 1970 entstanden auch erste Spielfilme wie Gewalt. 1974 drehte sie einen der wichtigsten Filme über die westdeutsche Frauenbewegung und die 68er, Unter dem Pflaster ist der Strand. Mit ihrem Film Heinrich über Heinrich von Kleist wurde sie 1977 mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet. Aufsehen erregte 1980 Deutschland, bleiche Mutter mit Eva Mattes in der Hauptrolle als Frau in den Kriegswirren und Trümmern Deutschlands. Ihre Filmografie umfasst 25 Filme, deren bislang letzter, Geliebte Clara, der die Dreiecksbeziehung von Clara Schumann, Robert Schumann und Johannes Brahms zum Thema hat, in einer Sondervorführung auf dem Internationalen Festival Mannheim-Heidelberg 2008 umjubelt wurde. Oft preisgekrönt, ist Helma Sanders-Brahms die wohl prominenteste weibliche Regisseurin des Neuen Deutschen Films, die wir herzlich bei unserem Festival begrüßen.


Roman Paul

Seine Laufbahn begann er als Filmeinkäufer für diverse Firmen. Inzwischen ist er ein erfolgreicher Produzent und hat zusammen mit Gerhard Meixner "Razor-Film"gegründet. Gleich der erste Film der jungen Firma war ein außergewöhnlicher Erfolg und provozierte viele Diskussionen. Paradise Now von Hany Abu-Assad, die Geschichte zweier palästinensischer Selbstmordattentäter, gewann einen "Golden Globe" und wurde für den Oscar als bester nicht-englischsprachiger Film nominiert. Ari Folmans einzigartiges Film-Experiment Waltz with Bashir - ein zeitkritischer Zeichentrickfilm für Erwachsene über die Erinnerungsarbeit ehemaliger israelischer Soldaten - war die Filmsensation des Jahres 2008, wurde in den Wettbewerb von Cannes eingeladen und gewann bei den "Golden Globes" den Regiepreis.

Paul koproduzierte den mit Neugier erwarteten Science-Fiction-Film Womb von Benedek Fliegauf. Neue Projekte mit den prominenten Erfolgsregisseuren der Firma sind in der Entwicklung. Zweimal liefen bereits Filme der jungen Produktion beim Festival des deutschen Films: Der Lebensversicherer von Regisseur Bülent Akinci 2006, und noch immer in bester Erinnerung der Eröffnungsfilm des Jahres 2008 Nur ein Sommer von Tamara Staudt. Kreative und innovative Produzenten ohne Scheuklappen wie Roman Paul braucht der deutsche Film dringend. Wir freuen uns, ihn in der diesjährigen Jury zu haben.
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wolfram Schütte
 
Er war und ist eine Institution der Kritik, 32 Jahre lang war er Redakteur (1967-1999) im Feuilleton der Frankfurter Rundschau, zuletzt Ressortleiter des Wochenend-Supplements "Zeit+Bild". Autor und Mitherausgeber zahlreicher Bücher, allein 45 Bände der "Reihe Film" bei Hanser zusammen mit Peter W. Jansen, die dem Autorenfilm in all seinen Formen ein Denkmal setzte. Schütte begleitete kritisch den Neuen Deutschen Film und sah sich stets als Förderer und Partner der jungen deutschen Filmemacher. Für den Meisterregisseur Theo Angelopoulos und viele andere schuf er mit seinen Texten in Deutschland die verdiente Aufmerksamkeit. Er ist auch ein bedeutender Literaturkritiker, mit Essays über Arno Schmidt, Heinrich Mann und Jean Paul, seinem Lieblingsschriftsteller. Dem produktiven Streit ist er in den Kritikerdebatten der vergangenen Jahrzehnte nie ausgewichen. Auch nach seiner Pensionierung hat er nicht aufgehört, seine Stimme zu erheben.
Im Internet 
veröffentlicht er inzwischen scharfzüngig seine Rezensionen und Kommentare (www.titel-magazin.de). Die Nachrufe, die er dort über die Heroen des Autorenkinos, über Michelangelo Antonioni und über Ingmar Bergman zum Beispiel schrieb, gehören zum Besten, was man überhaupt im Internet lesen kann. Den immer neugierigen Stammgast des Internationalen Filmfestivals Mannheim-Heidelberg, bei dem er auch schon Juror war, haben wir schon lange auch auf die Parkinsel zu locken versucht. Nun ist es gelungen.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

>> Preise und Preisträger
>> Festivalprofil