Rede zur Eröffnung des 11. Festival des deutschen Films

Meine Damen und Herren,
wir stehen am Anfang, jedenfalls am Anfang der elften Ausgabe des Festival des deutschen Films, der ersten Ausgabe des zweiten Jahrzehnts. Dieser sozusagen zweite Anfang hat den Vorteil schon auf etwas zurückblicken zu können: auf eine höchst erfreuliche Entwicklung. Von 7.000 Besuchern damals auf 78.000 im letzten Jahr, von einer seinerzeit ersten Ausgabe dieses Festivals, zu der manche kopfschüttelnd gesagt haben, „Was soll das?, Wozu brauchen wir das?, Es gibt doch schon so viele Festivals, wozu jetzt dieses?“ Bis hin zu einer Situation heute, in der das Festival des deutschen Films gar nicht mehr wegzudenken ist, zu einem wirklich wichtigen Kulturereignis der Metropolregion Rhein-Neckar und in ihr der Stadt Ludwigshafen am Rhein wurde. Wir sind dankbar, dankbar für das Glück dieser glücklichen Entwicklung. Es ist keine Pflichtübung, zu sagen, dass wir diesen Weg bis hierhin niemals hätten gehen können ohne Unterstützung. Da mussten erst einmal welche an uns glauben, ohne irgendein Beweismittel vor Augen zu haben. Wenn es gut läuft, kann man leicht selber auch dafür sein. Aber es gab eine Situation, in der noch nichts zu sehen war außer einer Idee.
Aber das trainiert dieses Unternehmen ja seit 150 Jahren: auf Ideen zu setzen – unser Sponsor der ersten Stunde und bis heute wichtigster Träger dieses Filmfestivals – die BASF!
Wir haben uns ein Kinozelt dafür ausgedacht, daß die BASF Geburtstag hat, ein Kinozelt von 1865, auch wenn es das genau genommen erst ein paar Jahre später gab – mit einer Zeitreise anhand von sechs Spielfilmen und 16 Kurzfilmen, zum freien Eintritt unten am Ufer des Rheins. Wir haben unseren Etat durchstöbert und dann entschieden, dass wir die Hälfte der Zusatzkosten dieses „150 Jahre Zeltes“ selber übernehmen, aus Dankbarkeit dafür, dass dieser Konzern dieses Filmfestival möglich gemacht hat – und bis heute ermöglicht.

Es ist ein Blick zurück, den Sie in unserem Jubiläumsbuch „Die Insel“ nachlesen können: mit großem Vertrauen setzte der Vorstand der BASF im Jahr 2004 auf Betreiben des damaligen Vorstandsvorsitzenden Eggert Voscherau und organisiert von Vorstandsmitglied Dr. John Feldmann und dem Kulturmanagement der BASF auf das neue Projekt „Festival des deutschen Films“. Mit derselben Zuversicht wurde es unterstützt vom damaligen und heutigen Kultursprecher der Metropolregion Dr. Peter Kurz, der nach einer erfolgreichen Wiederwahl als Oberbürgermeister der Stadt Mannheim mit gleichem Weitblick weiterhin tätig sein kann. Und es war die Oberbürgermeisterin der Stadt Ludwigshafen Dr. Eva Lohse, die ohne zu zögern den Wert dieses Projektes für die Stadt in virtuoser Vorausschau erkannt hat und es nach Kräften damals und heute fördert. Und nicht nur sie, die ganze Stadt steht hinter uns! Und dabei auch die überwältigende Mehrheit der Stadträte und Poltiker dieser Stadt. Das fühlt sich gut an, meine Damen und Herren! Sehr gut sogar. Die Technischen Werke Ludwigshafen, die GAG, die Geschäftsführung der Rheinpfalz, die Sparkasse Vorderpfalz, das Klinikum der Stadt und neuerdings auch die RNV, meine Damen und Herren – sie alle – und last not least die Landesregierung über den Kultursommer Rheinland-Pfalz – sie alle finanzieren Ihnen Ihr Filmfestival der Parkinsel mit! Ich bitte um Applaus!

Ich will ehrlich mit Ihnen sein, obwohl ich ahne, dass Sie denken, der will ja nur höflich sein. Aber wir haben uns damals vorgestellt, dass diese Insel nicht nur voller Menschen ist, sondern, dass es Menschen sind, die sich freuen, hier zu sein, und denen es gut geht, mit anderen Worten, die glücklich sind, ein paar Tage im Jahr buchstäblich Film zu erleben. Aber wann macht man jemanden glücklich? Doch weder auf Bestellung, noch wenn der andere schon damit rechnet. Glück kommt unverhofft. Wenn man etwas bekommt, womit man gar nicht gerechnet hat. Und man hat nicht mit einem Ort wie der Parkinsel gerechnet, wenn man vor 11 Jahren an die Stadt Ludwigshafen dachte. Da bin ich fast sicher, von den wenigen Auserwählten abgesehen, die hier das ganze Jahr über leben oder spazieren gehen. Und die wir an dieser Stelle herzlich um ihre Unterstützung bitten, das Filmfestival sollte es sie stören dennoch zu tolerieren. Bitte überlassen Sie uns an einem Zehntel der Jahreszeit diese fünf Prozent der Fläche dieser Insel! Denn es ist nicht nur der bundesweite Ruhm des Filmfestivals von Ludwigshafen, den es dafür gibt, das Filmfestival ist für Abertausende von Menschen der Stadt und der Region zu einem echten jährlicher kulturellen Höhepunkt geworden, an dem jeder teilnehmen kann. Ich denke, das ist etwas wert.
Denn manch einer wird hier längst jährlich von sich selbst überrascht – überrascht davon, dass er oder sie hier auf der Parkinsel manche Filme deutlich besser finden als sie jemals gedacht hätten. Dass ist kein Wunder. Denn wenn man so ganz allein oder zu zweit daheim vor dem Bildschirm sitzt, geht man manches Risiko erst gar nicht ein. Man schaltet einfach weg was anders aussieht als gewöhnlich. Vor allem, wenn man schon müde ist von der Arbeit. Der Mut, neue Gebiete zu erkunden, wächst mit der Anzahl derer, die auch noch dabei sind. Das ist fast ein Naturgesetz.
Und so sitzen wir jährlich wieder vor diesen über dreihundert neuen deutschen Filmen, die in den letzten Monaten entstanden sind und überlegen uns, was wir Ihnen zeigen können, wollen, dürfen, sollten. Überlegen, was wir, die wir ja in puncto Film nicht ganz normal sind, Ihnen zumuten können, in welchen Fällen wir es Ihnen einfach machen und in welchen nicht und manchmal auch überraschend einfacher als Sie dachten. Sie sollen am Ende glücklich sein, weil Sie eben nicht genau das sehen, was Sie schon gekannt haben. Denn Glück kommt ja immer überraschend. Und Sie sollen glücklich sein, weil Sie nicht allein sind. Auch das gehört zu diesen Gesetzmässigkeiten unseres Daseins: wir sind einfach gar keine Einzelgänger.
Deshalb haben wir uns ja auch vorgestellt damals, dass es möglichst viele sein sollen, die hier auf die Insel kommen. Denn stellen Sie sich vor, Sie wären ganz alleine hier: das Programm könnte noch so überraschend und erbaulich sein, Sie wären trotzdem nicht zufrieden. Geben Sie es einfach zu.
Film funktioniert immer dann am besten, wenn er eine größere Zahl von Menschen im selben Augenblick in seinen Bann schlägt, sie gleichzeitig auf eine Erfahrungsreise schickt, zugleich mit derselben Geschichte, denselben Gedanken, Ideen, Hoffnungen konfrontiert. Im Kino also funktioniert der Film am besten, in diesem großen schwarzen Raum ohne Orientierung, der ein einziges großes Fenster zur Welt aufmacht, eines, aus dem alle, die da sind, zugleich hinausschauen. Und wenn ich dies anfügen darf: nicht aus moralischen, sondern aus diesen ganz tatsächlichen Gründen ist es wichtig für uns alle, dass wir uns eingestehen, in Gesellschaft nicht nur leben zu müssen, sondern es auch zu wollen, unbedingt sogar zu wollen. Auch wenn uns jedem von uns unser Leben schrecklich individuell erscheint, so ist es das in Wahrheit doch nur in geringem Maße. Und so glaube ich, dass das Erfolgsgeheimnis dieses Filmfestivals genau darin besteht, dass erstens alle zusammen kommen an einem Ort, der schön und anders ist als die Orte des Alltags, zweitens, dass man hier auf der Insel auf viele trifft, die aus demselben Grund hier sind, aber sozusagen etwas traumverloren, nicht mit klarem Konzept, wie wenn man sich seiner Absichten bewusst auf sagen wir einen Kongress geht – und drittens, dass man mit vielen Hundert Fremden in großen schwarzen Sälen sitzt und sich dort wie in Platons Höhle gemeinsam ein Bild von einer Welt macht, die auf jeden Fall nicht die persönliche Welt des Einzelnen ist. Und die Attraktivität dieser Veranstaltung „Festival des deutschen Films“, sie steht in unmittelbar umgekehrtem Verhältnis zum Ausmaß der Vereinsamung, die uns die elektronische Welt der Bildschirme in jährlich größerem Ausmaß verpasst.
Also freue ich mich, dass Sie da sind!
Ich begrüße Sie zu einem Filmfestival, das sich in der Film- und Fernsehbranche einen Namen gemacht hat – nämlich als ein Festival, bei dem es nicht um Geld und um Zahlen geht – und dafür um so mehr um den Respekt gegenüber den Künstlern. Und den Menschen. Die wiederum hier die große Gelegenheit nutzen, zu Tausenden genau das an der Kunst erleben zu wollen, was sie so sehr zu einem Lebensmittel macht: ihre Menschlichkeit. Und als ich an dieser Stelle meiner Rede war, da klingelte das Telefon und eine Dame, wollte mich zu einer Umfrage interviewen. Worum es ginge, fragte ich sie. Um „Wirtschaftsverständnis und Finanzkultur“, sagte sie. Da musste ich lachen und hab ihr schon mal gesagt, dass ich das jetzt in meine Rede einbauen würde, nur diese Worte: „Wirtschaftsverständnis und Finanzkultur“. Und „Nein, danke“, habe ich auch noch gesagt, wir würden hier genau das Gegenteil machen, 19 Tage lang, ganz ohne „Wirtschaftsverständnis“ bleiben und vor allem auch unbedingt ohne „Finanzkultur“ – und uns schon sehr darauf freuen!
Herzlich Willkommen, meine Damen und Herren – beim 11. Festival des deutschen Films!

Filmfestival Ludwigshafen 2018 beginnt am 22. August 

Freiheit für den Tatort!

DAS FESTIVAL DES DEUTSCHEN FILMS LUDWIGSHAFEN AM RHEIN FEIERTE 19 TAGE DAS DEUTSCHE KINO

DER „GOLDENE NILS“ DES 13. FESTIVALS DES DEUTSCHEN FILMS GEHT AN DEN FILM „AMELIE RENNT“ VON REGISSEUR TOBIAS WIEMANN

FESTIVALFINALE MIT PREISVERLEIHUNG

SIEGFRIED KRACAUER PREIS 2017 VERLIEHEN

PREISGALA FÜR DREHBUCHAUTOR MARKUS BUSCH

SILLY ROCKT DIE PARKINSEL