Auf Sie kommt es an!

Gastbeitrag von Dr. Michael Kötz in der Zeitung „Die Rheinpfalz“ vom 26. Mai 2020

Auf Sie kommt es an!
oder Warum das Filmfestival auf Dauer
nicht auf eine Mattscheibe passt

Natürlich kann man das machen: Es sich ganz allein mit einem Buch im gemütlichen Sessel einrichten oder sich in Musik vertiefen, einem Film auf dem heimischen Bildschirm folgen. So verwendet sind die Künste auch dafür geschaffen, sich sehr persönlich und individuell seines Daseins zu vergewissern und den oft viel zu engen Verstand auszuweiten, um die Welt mit anderen Augen zu sehen und gedankenvoll auch zu erfühlen. Was da dereinst dem Adel vorbehalten war und was sich später das Bürgertum als Beweis seiner Erhabenheit über das einfache Leben erobert hat, das bereichert heute den Alltag vor allem jüngerer Menschen Clips verschlingend mit dem Mobilphone in der Hand an der Straßenbahnhaltestelle.

Die Kunst, sagte einst Walter Benjamin, ernähre sich aber im Grunde davon, dass sie alte Rituale der Menschheit beerbt habe, kultische Feiertage gemeinsamen Zelebrierens. Sie lebe also davon, es weniger auf den Einzelnen als vielmehr auf die Ansammlung von Menschen abgesehen zu haben, auf deren Freude, gemeinsam auf Distanz zum Alltag zu gehen, sich in Feierstimmung gegenseitig darin zu bestätigen, dass das Leben mehr sein muss als nur Arbeit und Verpflichtung. Im Besuch eines Konzertes, im Theater, im Kino, bei einer Show, einem Popkonzert, in der Disco, ja selbst, wenn nur eine gute Rede gehalten wird, begeistern sich die Menschen nicht nur am Dargebotenen, sondern heimlich auch an sich selber, an der gemeinsamen Entfernung vom Realitätssinn des Alltags. Jeder Applaus sei nämlich auch ein begeisterter Ruf nach Befreiung vom üblichen Vernünftigsein, fand Adorno, ein großartiger Theoretiker der Kunst als Entfernung von der „Last des Man Selbst Sein Müssens“. Ich würde allerdings auch das banalste Volksfest mit den schlichtesten Liedern, die man sich denken kann, solange sie nur zusammen gesungen werden, nicht ausschließen von diesem Begriff der Kunst. Denn hinter dem Wort von der „Unterhaltung“ verbirgt sich immer das Versprechen, nicht allein zu sein beim Lachen und Weinen, beim Wiederfinden und Begreifen. Genau deshalb finden wir es so kalt und unwirklich, wenn jemand uns jetzt mit gestreamten Auftritten unterhalten will und es gibt kein Publikum, niemand lacht, keiner ist da – nur eine Kamera, die uns die Sache daheim auf den Bildschirm bringt – als Home Office der Kunst in Zeiten einer Pandemie.

Es ist schon seltsam mit uns: wir sind, zumal als gebildete und selbstbewusste Bürger*innen, so stolz auf unser Ich, dass wir es gar nicht mögen, daran erinnert zu werden, dass der Mensch ein Herdentier ist – wenn auch das einzige, das abstreitet eines zu sein. Neben all den praktischen Nachteilen und Hindernissen, die die Corona-Pandemie uns bescheren, ist dies wohl das am schwersten zu Ertragende: die verordnete Einsamkeit mit sich. Nicht nur, dass wir diese unendlich wichtigen und dauernd für unwichtig erklärten Schwätzchen mit den Arbeitskollegen*innen nicht haben, beim Einkaufen nur noch mühsam hinter Masken hervorlächeln können – wir sollen auch abends noch Musik, Theater, Film, Gespräche, schön alleine für uns, frisch gestreamed aus den Wohnzimmern dieser Welt, in fortgesetzter Einsamkeit akzeptieren. Und in den Nachrichten wird ein Filmfestival für Dokumentarfilme gelobt, dass jüngst sein gesamtes Programm Online gestellt hat, sich also freiwillig selbst verlagert hat ins Internet. Und dieses Festival ist nicht das einzige. Ich sehe es und staune, verblüfft über die Leichtfertigkeit, mit der man sich selbst abschaffen kann. Und das, ohne es zu merken.

Wie Sie wissen, veranstalten wir das hinsichtlich der Beliebtheit zweitgrößte Filmfestival Deutschlands auf der Parkinsel von Ludwigshafen, bei dem täglich Tausende sich in prall gefüllten Kinozelten und auf den Banken am Rheinufer des Lebens erfreuen, weil sie den Kunstgenuss von Filmen mit Gesprächen danach und dem Treffen anderer Menschen so wunderbar verbinden können. Das „Festival des deutschen Films Ludwigshafen am Rhein“ ist zum Inbegriff eines „Filmvolksfestes“ geworden, deutschlandweit. Es würde sich selbst abschaffen, wenn es versuchen würde, sich auf die Online-Präsenz zu verlassen.

Es würde nämlich dann dem folgenschweren Irrtum verfallen, das Wesentliche seien die Filme beim Filmfestival, wo es doch die Menschen sind – und zwar die wirklichen.

Seit 50, 60 Jahren hat das Fernsehen das Kino ersetzt, wenn es um die Grundversorgung mit Bewegten Bildern geht. Die Mehrheit sieht heute Filmwerke nur auf einem Bildschirm, allein oder zu zweit. Ins Kino geht man nur sehr selten. Vor kurzem tat man das noch in relevanter Anzahl als jüngerer Mensch, mehr und mehr sitzen auch die heute vor einem Bildschirm. Es ist nicht mehr der Bildschirm des „linearen Fernsehens“, also des zeitlich vorgeschriebenen Nacheinander eines Programms. Es ist jetzt der Bildschirm einer größeren Freiheit der Wahl: Wahl der Filme, der Zeiten, auch der Orte des Konsums. Aber es geschieht nach wie vor allein oder zu zweit. Auf wahrhaft verlorenem Posten kämpfen die Kinos, von denen es ja noch Hunderte gibt, um Zuschauer. Und leider tun sie dies obendrein noch mit den falschen Waffen. Denn was dereinst zumindest die verbliebene Zuschauerschar in die Kinos gelockt hat - dass es nur hier den neuen Film von xy zu sehen gab, den man jetzt gleich anschauen muss oder er ist wieder aus den Kinos verschwunden – das geht rasant verloren an die Internetkonzerne Netflix, Amazon, Google oder Disney. Hier sind die Filme nicht nur preiswerter zu sehen, ironischerweise könnten diese Konzerne auch noch damit werben, dass es doch viel ökologischer sei, auf solche Fahrten in die Innenstädte oder zu den Multiplexen in den Vororten, und das, um einen einzigen Film zu sehen, natürlich zu verzichten. Und in Zeiten von Corona gibt es nicht nur Filmfestivals, es gibt sogar Kinos, die bereit sind, ihre Filme ausgerechnet dort anzubieten, wo sich ihr schärfster Gegner befindet: im Internet. Verhängnisvoller kann man kaum noch darauf hinweisen, dass man als Kino, als Filmfestival gar nicht mehr nötig sei, wenn es darum geht, Filme sehen zu wollen.

Trotzdem hätten die Kinos große Chancen, sich eine wunderbare Zukunft zu sichern. Es ist dieselbe, von der auch über 400 sage und schreibe in Deutschland existierende Filmfestivals leben. Nicht, dass es den meisten dieser 400 Filmfestivals derzeit gut ginge in diesen Coronazeiten. Denn ihre Finanzierung dürfte zu den prekärsten im Land überhaupt gehören: abhängig von Ticketverkäufen und zugleich Zuschüssen, die als „freiwillig“ für Kultur gelten, weil keine fest verankerten Schauspiel- oder Kunsthäuser dahinterstehen, ja nicht einmal gewerkschaftlich abgesicherte Festangestellte irgendeine Verpflichtung bedeuten. Zugleich aber sind all diese vielen Filmfestivals im Land (und weltweit) zu einem der wichtigsten Garanten des Fortbestandes von Kino geworden. Denn nur hier hat man längst verstanden, worin die großen Erfolge des enormen Zuspruches bestehen. Eben nicht darin, sensationelle Filmwerke in jungfräulicher Premiere zu präsentieren und dabei so zu tun, als gäbe es denselben Film nicht schon längst - manchmal sogar mühelos - im Netz zu finden. Man hat im Gegenteil längst erkannt, dass es nicht primär die Filme sind, warum so viele Menschen dabei sein wollen, sondern das Zusammenkommen: Die wunderbare Gelegenheit, die dominante Kunst unserer Tage, die Filmkunst mal nicht allein zuhause, sondern in einem großen Saal mit vielen Menschen zu erleben, Menschen, die gemeinsam auf eine Leinwand schauen als wäre sie ein großes Fenster in die Welt und als könne es dieses nur geben, weil es nicht für einen allein da ist. Wie ein Symbol steht dieses Bild dort vorne dafür, dass wir eben selbst in unseren Träumen nicht allein sind und jeder Bildschirm, den ich alleine betrachte, die Kollektivität der Filmkunst immer nur zitiert. Denn die Filmkunst will für alle da sein. Selbst wenn sie den Einzelnen noch so betroffen macht, so ist er doch nie als Einzelner gemeint. Und das macht uns glücklich. Immer und in Zeiten des erzwungenen Bei-Uns-Seins besonders. So als Herdentiere.