02_FddF_Foto_Arthur_Bauer.jpg

Zum 70. Geburtstag

Ein Publikumsmagnet
über Jahrzehnte 

Wie aus der „MaKuDoFiWo“ das „Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg“ wurde.

Ein Gastbeitrag von Michael Kötz

Was für ein Erfindergeist! Ganze sieben Jahre nach dem Krieg in einem heillos zerbombten Mannheim sorgt er dafür, dass die erste „Mannheimer Kultur- und Dokumentarfilm Woche“ stattfindet: Dr. Kurt Joachim Fischer, Journalist und Drehbuchautor aus Heidelberg, fast ein Opfer der Nazis, der dann 1948 bei einem dieser von den US-Amerikanern propagierten „Filmclubs“ dabei ist und schließlich das Filmfestival erfindet. Kurz- und Dokumentarfilme aus aller Welt werden gezeigt, Filme, die weder die Realität verniedlichen noch mit Filmschnulzen romantisieren. Die an der Seele kranken Deutschen sollen sich neu in einer Realität jenseits von Propaganda zurechtfinden. Es war ein kulturhygienischer, ein sozialpolitischer Ansatz, mit dem dieses Festival gegründet wurde. Und schon bald wehten die Fahnen aus aller Welt in Mannheim, galt es doch auch zu zeigen, wie kosmopolitisch das ehemalige Nazi-Deutschland nun ist. Dann gerät das Festival in die 60er Jahre, mit den Beatles und am Ende den Hippies und den revoltierenden Studenten. Und keiner wollte mehr im Stil der 50-er Jahre filmisch bedient werden. Walter Talmon-Gros hieß der zweite Festivaldirektor, der die neue Zeit bewältigen sollte.

Vor 20 Jahren bekam ich eine E-Mail von einem alten Herrn aus der Schweiz, Dr. Herman Strobel, der unsere Internetseite gefunden hatte. Er erinnere sich, schrieb er, dass ein Herr Fischer in Mannheim ein Dokumentarfilmfestival initiiert habe und es würde ihn interessieren, ob wir auf dieser Grundlage aufgebaut hätten… Bauen Filmfestivals bei ihrem Fortschreiten auf den Grundlagen ihrer Vorgänger auf? Oder tun sie alles dafür, die Vorgeschichte zwar als Rampe zu nutzen, dann aber ganz schnell die volle Aufmerksamkeit auf die eigenen großen Taten zu lenken, die alles anders machen? Je länger man für ein Filmfestival verantwortlich ist, also unvermeidbar währenddessen auch älter wird, desto mehr befasst man sich mit dieser Frage, ist es doch absehbar, dass man in Kürze selber zum Kreis der Vorgänger gehören wird.

Zunächst aber war ich rund 40 Jahre alt, als ich 1992 die Leitung übernahm, und deshalb war ich fest entschlossen, viel moderner zu sein als meine Vorgängerin. Ihr Name war Fee Vaillant, sie war die dritte Direktorin und sie hatte die Leitung von jenem feinsinnigen, frankophilen Literaten Talmon-Gros übernommen, der bald seine Schwierigkeiten hatte mit der rebellischen Jugend. Fee Vaillant hatte damit trotz fortgeschrittenen Alters überhaupt gar kein Problem. „Schlaf schneller, Genosse“, pflegte sie um drei Uhr nachts zu sagen, wenn sie mit mir nach durchdiskutiertem Festivalabend putzmunter den Fahrstuhl im Hotel verließ, im „Steigenberger“, das heute ebenso verschwunden ist wie diese bemerkenswerte Dame der Kunst des Festivalmachens. Mein Respekt war groß für sie, hatte sie doch die ersten Filme von Fassbinder oder Truffaut, Varda oder Menzel, Kieslowski oder Wajda auf ihrer „Internationalen Filmwoche“ präsentiert, ganz eine Mutter Courage des Autorenfilms. Beim neuen internationalen Kino der Autoren war in den 70-er Jahren also die ehemalige  Kulturfilmwoche nun angelangt, jetzt umgetauft in „Internationale Filmwoche Mannheim“. Sie hatte Weltruf.

Ich fand es großartig, von dieser Vorgängerin als Nachfolger vorgeschlagen zu werden. Denn dieses (bei Familienunternehmen oft praktizierte) Prinzip garantiert, dass das mühsam erworbene Alleinstellungsmerkmal eines Filmfestivals nicht nur als Lippenbekenntnis erhalten bleibt, sondern wie eine moralische Verpflichtung. „Was würde Fee dazu sagen?“, hab ich mich bei jeder Neuerung auch nach ihrem Tod gefragt. Übrigens: Als ich 1992 ans Ruder durfte, wäre es fast gleich wieder aus gewesen mit meinem Neuanfang. Denn der Mannheimer Gemeinderat hatte Geldprobleme und wollte das siebtälteste Filmfestival der Welt mal eben ganz abschaffen. Um dem Festival und mir den Hals zu retten, schlug ich der Stadt Heidelberg vor, das Festival zu übernehmen, was die dortige Oberbürgermeisterin Beate Weber erfreut bejahte. Das wiederum wollte Mannheim nicht auf sich sitzen lassen und so entstand das „Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg“. Eine erstklassige Lösung, denn ab sofort würde es solche spontaneistischen Ideen wie des Mannheimer Gemeinderates nicht mehr geben können, ohne gegenüber der anderen Stadt vertragbrüchig zu werden.

Was war mir wichtig in den 28 Jahren, in denen ich die Verantwortung für das Festival hatte? Es hat mich gewurmt, dass diese New Yorker Filmproduzentin, die Fee Vaillant stolz in ihrer Jury hatte, mir ein Jahr später im schnöden Tonfall der Branche sagte „The industry is not there“. Sie meinte, dass die Filmeinkäufer für das weltweite Kino und Fernsehen fehlten in Mannheim. Denn ein in der Branche relevantes Filmfestival ist immer auch ein Marktplatz – und dafür müssen die Filme echte Uraufführungen sein, dürfen nicht schon auf anderen Filmfestivals zu sehen gewesen sein. Also warfen wir uns in eine Herkulesaufgabe, an der wir angesichts des wahrhaft kümmerlichen Etats, den das Filmfestival zur Verfügung hatte, beinah gescheitert wären. Aber eben nur beinah: Wir hatten jedes Jahr fast ein Dutzend echter Premieren und zwar hochkarätiger Entdeckungen neuer Talente, und sie waren da, die Filmeinkäufer und Filmrechtehändler. Bis 2019 war das so. Aber es war mir vor 20 Jahren zu riskant, allein darauf zu vertrauen und so sann ich auf einen weiteren Weg, die Filmbranche nach Mannheim zu locken. Wir erfanden die „Mannheim Meetings“, ein internationales Koproduktionstreffen von Filmproduzenten, bei dem diese weltweit Partner für neue Filmvorhaben finden konnten. Sie waren ein Renner, diese „Mannheim Meetings“ mit ihren Tausenden von Teilnehmern, die es außer bei uns weltweit nur noch in Rotterdam gab, zehn Jahre lang. Dann wurde unsere Idee immer öfter kopiert und das ganze schöne Fördergeld aus Brüssel vom Media-Programm der EU, das wir erhalten hatten, floß jetzt zu einer ähnlichen Art von Meetings beim größeren deutschen Festival in Berlin.

Es war das Publikum, das einst auf die „MaKuDoFiWo“ strömte, wie einer der begeisterten Fans von damals, der dann ein alter Herr war, mir erzählte und dass sie damals alle nur diese liebevolle Verkürzung des Festivalnamens benutzt hätten. Es war das Publikum, das dann auch auf die von der Kulturrevolte der 60-er und frühen 70-er Jahre bestimmte „Internationale Filmwoche“ strömte. Und wie stolz waren wir auf die Publikumsströme, mit denen wir fast drei Jahrzehnte das Stadthaus und unsere festlichen Kinozeltstädte in Heidelberg füllten. Es gelang uns, weil wir uns mit Beginn des neuen Jahrhunderts immer mehr von unseren eigenen Anfängen des Jahres 1992 entfernt hatten, nämlich davon, das Filmfestival im Grund für uns selbst und unsere Altersgruppe gemacht zu haben – stilistisch und hinsichtlich der Filmauswahl vor allem daran orientiert, unbedingt „Avantgarde“ sein zu wollen, ganz weit weg von dem, was die Älteren und die Mehrheit der Menschen sich erzählen lassen wollen, so provokativ und innovativ wie möglich. Mit jedem Jahr des eigenen Älterwerdens begriff ich, wie snobistisch, ja egoistisch dies war und wie sehr es jene Mehrheit der Menschen fast bewusst ausgeschlossen hatte, von der wir behauptet haben, sie sozusagen fortbilden zu wollen. Heute, wo die Filmkunst droht gänzlich abzuwandern in die private, heimische Rezeption vor den Mattscheiben, ist das überhaupt die allerwichtigste Aufgabe: So viele Menschen wie möglich zu begeistern für Filmkunst auf einer möglichst großen Leinwand, aus der alle wie aus einem großen Fenster hinaus in die Welt oder hinein in fremde Innenwelten schauen. Die ganze Energie beim Festivalmachen muss mehr denn je gleichrangig aufgeteilt sein zwischen der Suche nach filmischer Qualität einerseites und der Suche nach einem möglichst großen Publikum, dass diese Qualität dann auch erlebt, andererseits. Es wird sich in allernächster Zeit als altmodisch herausstellen, als unbrauchbar und von gestern, auf das Erscheinungsbild eines jungen Avantgardismus zu setzen und so den alten Fortschrittsglauben zu inszenieren. Wirkliche Modernität liegt heute angesichts unserer egoistischen und gespaltenen Gesellschaft eher darin, die Parole Hilmar Hoffmanns von der „Kultur für alle“ wieder auszugraben und sie mit großem Ernst umzusetzen. Und dann ist es wesentlich wichtiger, diejenigen ins Festivalkino zu holen, die nie ins Kino gehen als jene, die dort im Art House Kino schon längst Stammgäste sind.

Der Text ist erschienen im „Mannheimer Morgen“ am 9. November 2021 unter demselben Titel

FDDF_Tag 18-117.jpg
Ein Strom von Bildern und Klängen 

von Michael Kötz
 

Kein Tag ohne Filmberichte, Szenen, Dramen aus „Bewegten Bildern“. Und kaum ein Tag, an dem nicht unterwegs im Auto oder daheim Musik erklingen würde. Da begleitet die Kunst unseren Alltag wie ein breiter, nie still stehender Strom. Die Bilder dieses Stroms lassen uns viel weiter blicken als wir jemals schauen könnten und die Klänge lassen uns deutlich beschwingter sein als wir es mit eigener Stimme jemals könnten. Die Kunst lässt unser Leben breiter und tiefer werden und dies nahezu unbemerkt. Nur manchmal fällt uns auf, wie wichtig sie sind, die Künste. Dann verdichten sie sich (um im Beispiel von Musik und Film zu bleiben) zu einem Konzert beispielsweise, oder sie werden mit einem Film zum Abenteuer der Sinne, zeigen sich zugespitzt und signifikant in einem Einzelstück.

Manche Menschen glauben ja, nur dann, nur in dieser Stufe der Veredelung zu einem singulär wahrgenommenen Werk, hätten sie es mit wirklicher Kunst zu tun. Und wenn sie können, geben sie viel Geld aus dafür oder machen weite Reisen, um dabei sein zu können. Und vielleicht tun sie das auch gar nicht primär wegen der Erfahrung der Kunstwerke, sondern wegen ihres Tauschwertes. Aus Gründen der Veredelung der eigenen Person. Das folgt einer Tradition noch aus Zeiten des Adels, der Fürsten- und Königshäuser. Hier wurden die Künste gefördert und getragen, weil sie Beweisstücke waren für die Distanz zu den Niederungen des bäuerlichen Lebens, später der Arbeiterschaft. Man konnte sich wechselseitig der herausgehobenen gesellschaftlichen Position vergewissern, den Status genießen. Gut für die Künstler dereinst. Sie wären sonst glatt verhungert. So aber durften sie wirken und gestalten, manchmal Werke wie für die Ewigkeit.

Aber ist das Entscheidende der Kunst wirklich ihr Werkcharakter? Ich denke, es ist der Sog, die Bewegung, der Strom, den die Künste herstellen, also das, was die Menschen mitgehen, mitfließen lässt. Es ist das Erlebnis mit der Kunst, nicht das Werk. Es ist ein beinah kultisches Element (schwer zu erkennen in Zeiten, die so von den Naturwissenschaften dominiert sind wie unsere). Walter Benjamin sprach vom „parasitären Dasein der Kunst am Ritual“ und ich denke, er meinte genau dies: Dass die Rituale der Frühzeit der Menschen sich heute in der Kunst finden als eine Qualität der Auflösung unseres gewöhnlichen Sinnes für Realität. Erweiterung der Wirklichkeit durch deren Intensivierung. Klingt wie Drogengenuss, der nicht zufällig bei vielen Ritualen dabei gewesen sein wird. Im Fall der Kunst eben ohne Chemie, nur als eine Folge der Imagination, der Phantasie, ähnlich wie das, was wir individuell in unseren Träumen machen. Die Welt in eine Bewegung bringen, die sie menschlich macht. Und übrigens am besten nicht allein.

Kunst ist nichts, das man alleine wirklich haben kann, denn dann fehlt das Rituelle. Und selbst, wenn man mutterseelenallein zu einem Buch greift, bevölkert man imaginär das eigene Leben mit dem der Anderen. Oder wenn man sich einen Film anschaut. Um endlich zu meinem Metier zu kommen. Hinter die Kulissen dieses Vergnügens geschaut, entdeckt man, dass es auch hier um die Verwirklichung eines Menschheitstraums geht, der früher im Erzählen von Märchen am Kinderbett eingeübt wurde: Dass man nicht allein bleibt mit seinen Träumen. Dass man nicht nur das sehen kann, was man selbst zu sehen vermag. Dass man sogar etwas aus der Perspektive eines Anderen erblicken kann. Dass man mittendrinn sein kann, ohne wirklich dabei zu sein, alles sehen kann, ohne selbst erblickt zu werden, etwas erleben darf, ohne für die Folgen einzustehen. Das ist die heimliche Utopie des Films und das macht auch seine Attraktivität aus. Übrigens mit einem handfesten Gradmesser für Qualität: Nur wenn der Beifall rauscht, weil man nicht allein ist, sondern im Kino sitzt, dann ist diese Kunsterfahrung erst wirklich eine gewesen. Und der Wunsch nach Befreiung aus der Last des Man-Selbst-Sein-Müssens (um Adorno zu zitieren) verhallt als Applaus.

Der Text ist erschienen als Beitrag im Album der BASF 2021 „100 & Kultur – 100 Jahre BASF“