Preis für Schauspielkunst für Julia Koschitz

Laudatio von Dr. Michael Kötz

Meine Damen und Herren, ich heiße Sie herzlich willkommen zu diesem besonderen Abend in der letzten Woche des diesjährigen Festivals, willkommen zur Verleihung unseres Preises für Schauspielkunst 2019 an eine großartige Schauspielerin im Land, über deren Besuch hier auf der Insel wir uns sehr freuen – bitte begrüßen sie mit mir – Julia Koschitz!

 

Es beginnt in Brüssel. Am zweiten Weihnachtsfeiertag 1974 kommt sie zur Welt, als Tochter von Eltern, die aus Wien stammen und die es aus vermutlich beruflichen Gründen nach Belgien verschlagen hat. Fünf Jahre wird die kleine Julia dort leben, dann geht es nach Deutschland, nach Frankfurt am Main, wo sie mit ihrem älteren Bruder aufwächst, im Frankfurter Nordend, glaube ich, jedenfalls macht sie dort Abitur, Anfang der 90er Jahre. Und dann? Sie denkt, sie könnte Tänzerin werden, schließlich hat sie schon mit vier Jahren angefangen mit dem Ballettunterricht. Aber wirkt sie nicht eher introvertiert und schüchtern, fast so, als würde es sie eher erschrecken, wenn die Scheinwerfer auf sie gerichtet sind? Ja es wirkt so. Aber es ist so wenig wahr wie es bei einer anderen großen Schauspielerin wahr gewesen wäre, die einem unwillkürlich einfällt, einer verblüffenden Ähnlichkeit wegen: Audrey Hepburn.

Das Gesicht, das Lächeln. Und dies immer so, als würde beständig etwas versteckt werden, etwas, das die eigentliche, die heimliche Persönlichkeit sein könnte. Julia Koschitz beherrscht das meisterlich. Jede Geste, die gleich erst noch kommen wird, ist schon einmal kurz vorher auf ihrem Gesicht zu sehen, als Entschlossenheit, als Gedanke, der der Handlung vorausgeht. Das hat in der Tat etwas Tänzerisches, etwas Leichtes. Zugleich aber ist dieses Gesicht auch bestimmt davon, zutiefst entschlossen zu sein, zäh und unnachgiebig. Wer das nicht für möglich hält, der wird es in Kürze lernen, nämlich in ihrem neuen Film, den wir für diesen Abend ausgesucht haben, „Im Schatten der Angst“, Regie Till Endemann, in dem Julia Koschitz eine Kriminalpsychologin spielt – und das ist die, die, falls Sie gestern Abend etwas Schlimmes getan haben, es hundertprozentig herausfinden wird, und zwar ganz sanft aber darum um so entschiedener.

 

Mit 21 beginnt Julia Koschitz eine Schauspielausbildung am Konservatorium in Wien. Das war klassisch, ziemlich klassisch. Vielleicht wollte sie aber auch nur dorthin, weil die Eltern dort herkommen, weil die Großeltern dort leben, und ihr Bruder auch, also dort ihre Wurzeln sind oder zumindest sein könnten. Die Eltern hätten ihr Wienerisch jedenfalls nie abgelegt, erzählt sie, und es sei ihr deshalb sehr vertraut. Aber sie habe es nie wirklich übernommen, wäre auch komisch gewesen, dort im Nordend zwischen dem ganzen Frankfurterisch. Sie studiert also in Wien, aber sie wird dort nicht arbeiten, „sprachlich als Österreicherin nicht richtig einsetzbar“, sagt sie. Sie geht zurück nach Deutschland. Sie geht ans Theater. Nun will ich auf keinen Fall etwas gegen das Theater sagen, um Gottes Willen! Aber es ist doch eher schade, wenn sie dort ist oder zumindest dort geblieben wäre, denn wofür sonst als für die Kamera, für die Nahaufname der Kamera, ist dieses wunderbare Spielen mit ihrem Gesicht gemacht, die Augen, die so eindringlich gucken können, forschend und nicht aufzuhalten, eine Gesichtsmimik, mit der sie fast tanzen kann, in wunderbar nuanciertem Feinspiel.

 

Aber damit Sie sich das mit der Karriere nicht so flüssig und glatt vorstellen, sei auch erwähnt, dass Julia Koschitz, wie sie berichtet, eigentlich ziemlich ratlos gewesen sei damals, dass sie in einer Sinnkrise gesteckt habe, als sie nach Wien ging und dort eine Art Zuhause suchte. Sie hätte im Grunde keine Ahnung gehabt, was aus ihr werden solle, erzählt sie. Bühnenbildnerin vielleicht? Aber da war eine Frist abgelaufen für die Bewerbung. Da haben wir also noch mal Glück gehabt. „Dann studiere ich eben Theaterwissenschaften“, sagt sie sich. Auch hier haben wir Glück, weil sie das wieder abbricht. Jetzt erst geht sie aufs Konservatorium, denkt, dass sie auch Schauspielerin werden könnte. Ich ahne mal, dass die Eltern besorgt waren, zumal der große Bruder vermutlich ganz was Ordentliches studiert hat. Aber ich weiß es nicht, wie man eigentlich so gut wie nichts weiß über diese Julia Koschitz. Sie erzählt nämlich nichts. Und das, obwohl die einschlägigen Zeitschriften ihr bestimmt keine Ruhe gelassen haben. Zu gern würden sie wissen, „Frau Koschitz, und gibt es da nicht einen Mann in ihrem Leben?“ Tja, nichts Genaues weiß man nicht. Mir gefällt das ja. Und zu ihrem Gesicht mit den vielen Rätseln, die es aufgibt, passt es großartig.

 

Nach der Schauspielausbildung geht es erst einmal in die Provinz, nach Coburg, ans dortige Landestheater. Warum auch nicht? So etwas wie Karriereplanung hatte Julia Koschitz nicht. Von Coburg gings nach Regensburg, Büchner, Kroetz, Brecht, Bernhard, Schiller, Shakespeare, Schnitzler – alles dabei. Auch bei den Kammerspielen von Landshut taucht Julia Koschitz auf. „Es war eigentlich ein unglaublich langsamer Weg“, erzählt sie, „und es gab Zeiten, in denen ich das Gefühl hatte, ich trete auf der Stelle.“ Dann die Bayerischen Theatertage, und Julia Koschitz gewinnt einen Darstellerpreis für die Hauptrolle in Ibsens Nora. Beinah hätten wir Pech gehabt und sie wäre beim Theater geblieben. Aber sie war schon abtrünnig geworden, die erste Filmkamera hatte sie schon aufgespürt und sie ins Bild gesetzt. Als Polizistin Sandra Holzapfel taucht sie 2004 in der Serie „München 7“ auf. Und 2006 wird sie eine der neun partnersuchenden Frauen sein im Spielfilm „Shoppen“ von Ralf Westhoff, einem Speed-Dating-Drama, für das der Autor und Regisseur den Bayerischen Filmpreis gewinnt. Das habe ihr sehr geholfen, erzählt Julia Koschitz, dies und dann die Rolle einer Ärztin in der Krankenhauskomödienserie „Doctor‘s Diary“ auf RTL und ORF, die sich von 2008 bis 2011 hinzieht.

Im Spielfilm „Putzfrau Undercover“ spielt sie und 2009 bei Nikolaus Leytner in der Kriminalkomödie „Der Fall des Lemming“. Nach einem Drehbuch unseres Preisträgers Martin Rauhaus folgt dann ein Auftritt in der Komödie „Ein Hausboot zum Verlieben“, und zwar schon ein maßgeblicher: Sie spielt die weibliche Hauptrolle der verführerischen Isabell, der ein Politiker zum Opfer fällt. Das glauben wir sofort. Ab 2009 häufen sich die Filmrollen überhaupt. Bei Tim Trageser erscheint sie neben Anna Loos und Hans-Jochen Wagner in der ZDF-Produktion „Wohin mit Vater?“, bei Ralf Westhoff 2010 hat sie die Hauptrolle in „Der letzte schöne Herbsttag“,  einem hoch gelobten Liebesfilm, deren exzellente Dialoge Koschitz, wie es heißt, meisterlich umzusetzen verstand. Im Jahr 2011 sieht man Julia Koschitz erneut als junge Ärztin, diesmal in „Das Wunder von Kärnten“, mit einer Million ZuschauerInnenin Österreich und fast sechs in Deutschland, in „Der letzte schöne Tag“ von Johannes Fabrick, wieder als Ärztin –vermutlich kann sie langsam auch medizinische Behandlungen durchführen. Sie spielt in „Ruhm“, der filmischen Umsetzung einer großartigen Erzählung von Daniel Kehlmann, die davon geprägt ist, dass keine der auftretenden Personen nicht auch eine pure Phantasie seines Autors sein könnte, ein Film, der allerdings dieser Ausgabe der Literaturverfilmung nicht ganz gewachsen ist, auch wenn Julia Koschitz natürlich ihre Rolle glänzend spielte. Nicht in all den Filmen kann Julia Koschitz die Substanz finden, die sie stets eigentlich sucht, wie sie sagt, denn sie täte sich schwer, wenn ein Drehbuch für sie nicht schlüssig sei, so wie ihr überhaupt die eigene Rolle nicht so wichtig sei wie das Ganze des Filmprojekts, die ganze Geschichte, die erzählt würde, und deren Qualität.

 

Mindestens fünf, oft acht Filmrollen spielt Julia Koschitz jetzt pro Jahr in einem unglaublichen Spektrum von Komödien, Krimis und Dramen aller Art. 2013 ist der Film „Pass gut auf ihn auf“ dabei, Regie Johannes Fabrick. Darin spielt sie eine junge Frau, die als neue Geliebte eines älteren Mannes erfährt, dass sie selbst todkrank ist und dann, dies verschweigend, daran arbeitet, dass ihr Geliebter nach ihrem baldigen Tod wieder zurück geht zu seiner Exfrau und mit ihr und den Kindern aus beiden Ehen zusammenlebt. Wie einer schreibt, muss aus einer solchen Story eigentlich ein Schmalzfilm entstehen, mit einer Schmalzmenge, die sich „wie eine Springflut ins Wohnzimmer ergießt“, wie er sagt. Aber nichts davon geschieht. Anstatt emotionaler Überwältigung, glänzt der Film durch das feine Spiel der AkteurInnen, Julia Koschitz ganz vorne dabei und weit davon entfernt, ihre Rolle als Klischee zu spielen. Man glaubt ihr einfach, dasssie ist, was sie spielt und in diesem Film ganz besonders. Julia Koschitz wird 2014 drei Preise bekommen für diese eine Rolle: den Bayerischen Fernsehpreis, den Deutschen Schauspielpreis und die Goldene Nymphe beim Fernsehfestival von Monte Carlo. Wer es bis dahin noch nicht gemerkt hatte, der hatte es jetzt quasi schriftlich: dass Julia Koschitz zu eine der großen Schauspielerinnen Deutschlands geworden war, aller Wiener Abstammung ebenso zum Trotz wie der Geburtsstadt Brüssel. Sie kann es wie wenige andere. Sie kann es in dem Film „Hin und Weg“ neben Florian David Fitz, in „Harter Brocken“ von Stephan Wagner, unglaublich beeindruckend als LKA-Beamtin in diesem Thriller aus dem Harz, den wir Ihnen hier auf der Insel 2016 präsentiert haben. Sie kann es, wieder bei Nikolaus Leytner, vor allem in der Hauptrolle in „Am Ende des Sommers“, einer österreichisch-deutschen Koproduktion, in der Koschitz vor fünf Millionen ZuschauerInnendie Hauptrolle spielt, ebenso wie in „Unsichtbare Jahre“ von Johannes Fabrick, diesmal als Stasi-Agentin im Westen, „in einer ihrer bislang vielschichtigsten Rolle glänzend“, schreibt die Kritik. Denn Koschitz schafft es, obwohl sie hier keinerlei Sympathierolle verkörpert dennoch den Zuschauer so mitzunehmen, dass er ihr gerne noch bis in die Zwischentöne folgt. Auch in Fabricks preisgekröntem „Zweimal lebenslänglich“ spielt sie die Hauptrolle neben Felix Klare, und zwar so großartig, dass man ihr die ganze Ambivalenz von Vertrauen und Misstrauen, von Liebe und Zurückziehen in jeder Sekunde des Filmes glaubt. 2015 dreht sie „Schweigeminute“ von Thorsten M. Schmidt und in dem Zweiteiler „Das Sacher“, dann 2016 in „Spuren des Bösen“ in der Folge „Begierde“ und in der Komödie „Happy Burnout“. In „Gift“ ist sie die Interpol-Agentin neben Heiner Lauterbach, die sich mit einem Pharma-Konzern anlegt, es folgt „Der Bankraub“ und ein Tatort „Mord ex Machina“, eine Rolle in der österreichischen Fernsehreihe „Stadtkomödie“ und dann die weibliche Hauptrolle als Carola in dem Kinofilm „Wie gut ist deine Beziehung?“ von Ralf Westhoff, ein Ehepaar in der Krise. Zuletzt hat sie, neben dem Film, den sie nachher sehen werden, die Hauptrolle der Architektin Marie in Vivian Naefes „Balanceakt“, der letzte Woche, am 26. August, ausgestrahlt wurde. Julia Koschitz laufe hier zur Höchstform auf, heißt es in der Kritik, überragend glaubwürdig sei ihr Spiel.

Glaubwürdigkeit ist das Stichwort. Julia Koschitz stellt sie in all ihren Rollen her, so gut der Film es freilich insgesamt zulässt. Aber wenn Buch und Regie stimmen, dann ist Julia Koschitz nicht mehr aufzuhalten. Längst ist die vermeintliche Schüchternheit einem virtuosen Spiel mit dem gewichen, was sich diese Schauspielerin denken mag, wenn sie in die Haut einer anderen schlüpft, zu einem anderen Menschen wird, und das immer so, als würde sie ahnen, dass auch dieser andere Mensch gar nicht so genau wissen kann, wer er eigentlich ist, etwas vorspielend wie sie, einen anderen anschauend, in sich selbst hineinsehend und damit dieses wunderbare Vexierspiel spielend, für das die Filmkunst geeignet ist wie keine andere. Nach über 50 Filmen, in denen sie ihr außergewöhnliches Können mit Bravour bewiesen hat, wurde es Zeit, dringend Zeit, auf diese großartige Künstlerin mit Nachdruck hinzuweisen. Und das tun wir jetzt mit großer Freude und überreichen ihr unseren diesjährigen „Preis für Schauspielkunst 2019“! Meine Damen und Herren – Julia Koschitz!