Laudatio zum Preis für Schauspielkunst

PREIS FÜR SCHAUSPIELKUNST 2014

Festival des deutschen Films © Dr. Michael Kötz

Meine Damen und Herren, ich begrüße Sie herzlich zu diesem Abend der Verleihung des Preises für Schauspielkunst 2014 beim 10. Festival des deutschen Films!

Ich muss Ihnen erst einmal etwas gestehen, der Ehrlichkeit halber. Wir waren an sich ratlos, mit welchem Preisträger wir denn die Jubiläumsausgabe dieses Festivals krönen sollten – nach all den Weltmeistern des Schauspiels wie zuletzt Bruno Ganz beispielsweise. Und während meine Frau und ich das so überlegt haben, da fiel uns ein – Halt, da gibt es doch auch so ein Paar, das getrennt aber gemeinsam trotzdem dasselbe macht und das wäre doch dann ein Signal mit Betonung auf dem ohnehin sowieso Wichtigsten von allem – Sie werden lachen, aber ich meine es ernst – der Liebe. Wir nehmen Loos und Liefers riefen wir beide aus! Und hinfort hießen sie nur noch: „L & L“. Guckst Du mal nach, sagte ich dann, ob die überhaupt noch zusammen sind und wenn ja, ob die vielleicht nichts so hassen, wie auch noch gemeinsam hier heute Abend auf der Bühne zu stehen…

Wobei, mein Gefühl sagte mit, dass das gar nicht sein kann, so wunderbar unprätenziös wie diese Anna Loos hier vor Jahren einfach bei uns auftauchte, so als wäre sie gar kein Star, sondern eben Anna Loos. Und was stellt sich heraus? Die sind seit genau 10 Jahren verheiratet! So lange wie wir dieses Filmfestival machen! Jetzt gab es kein Entrinnen mehr und wir mussten nur noch einen Tag finden, an dem beide tatsächlich auch hier sein können – und das im beliebtesten Filmdrehmonat des Jahres, und der Open-Air-Konzerte auch.
Meine Damen und Herren – Sie wissen, dass es geklappt hat. Begrüßen Sie mit mir unsere Preisträger heute Abend – Anna Loos und Jan Josef Liefers!! Und ich will noch etwas vorweg sagen. Etwas, das im kommenden Herbst 25 Jahre her sein wird und das das Leben unserer beiden Preisträger entscheidend geprägt hat, während es für viele hier drüben im Westen faktisch, also innerlich, oft weniger wichtig war als der Jahresurlaub damals. Die Geschichte, an die ich erinnern will, hat ein symbolisches Bild: Menschen, die eine Mauer erklimmen und am Brandenburger Tor auf ihr ausgelassen tanzen und singen, in größtmöglicher Fröhlichkeit sich der Geschichte erfreuen, die ihnen gerade passiert. Und Sie, meine Damen und Herren, wenn Sie alt genug sind, haben Sie nicht geweint, als sie diese Bilder sahen, am Abend dieses Donnerstags mitten in der Woche, als Sie eigentlich bloß die üblichen Nachrichten schauen wollten? Ich hoffe, Sie haben geweint. Sie haben nämlich gesehen, wie in einem einzigen Moment die ganze eiserne Gewalt des Kalten Krieges, 50 Jahre Angst und Schrecken, einfach weg gepustet wurden, besiegt von etwas, das aussah wie die freundlich-friedliche Macht des Menschlichen. Ich muss Ihnen gestehen, mir tut es heute noch leid, dass ich mich nicht gleich am 10. November 1989 – denn nichts konnte an diesem Tag wichtiger gewesen sein – in mein Auto gesetzt habe und „rüber“ gefahren bin: ganz schnell rüber und noch mal anschauen wie sie aussah die DDR. Ein paar Wochen später habe ich es immerhin gemacht und bin über Fulda in den Osten. Zu Fuß dann über den langen breiten Todesgürtel mitten im Wald von Thüringen, durch ein Loch im Zaun. Dort stand auch ein Grenzsoldat, nach wie vor bewaffnet. Aber er winkte mich durch. Wie denn das wäre, hab ich ihn gefragt, das müsse doch komisch sein, mich einfach durch zu lassen. Ja, schon, sagte er und zuckte die Schultern. Seit dem lässt mich ein Thema nicht mehr los: auf welche innere Reise sind die DDR-ler damals gegangen, als über Nacht nichts mehr war wie vorher?

Die Wiedervereinigung war ein weltpolitisches Meisterstück professioneller Staatenlenker, kein Zweifel. Sie hat Bürgerkriege und anderes Elend jeder Art verhindert. Bezüglich der menschlichen Dimension aber war die deutsche Wiedervereinigung etwas, das über die Menschen herfiel und hinwegging und keinen einzigen Gedanken an die Seelenzustände der Betroffenen verloren hat. Dafür war gar keine Zeit. Weniger als bei jeden durchschnittlichen Flugzeugabsturz. Politik von oben war das, im klassischen Sinne von oben. Nicht einmal symbolisch durften die DDR-ler etwas von sich behalten, nicht einmal der Name unseres Landes, der Name Bundesrepublik Deutschland, hat sich geändert durch die Wiedervereinigung. Versunken wie Atlantis ist diese DDR und jederzeit werfen irgendwelche Ideologen ihr noch ein „Ist doch ganz richtig so“ hinterher. Kein Wunder, dass das so nicht geht und dass sie wieder auftaucht: nicht die DDR als Staat, wohl aber die Geschichte jener Menschen, die zwar ihren Teil Deutschlands eigenhändig abgeschafft haben, nicht aber ihr darin verbrachtes Leben. Das gab und gibt es und es hat seinen Wert. Und das vielleicht nicht nur für den, der es erlebt hat, sondern auch für die anderen im anderen Teil Deutschlands, die – wenn sie genau hinschauen – nach wie vor den Unterschied erkennen können, der sich da prägend ausgewirkt hat. Ich erahne ihn, wenn ich über Anna Loos nachdenke und ich erahne ihn, wenn ich sehe, was Jan Josef Liefers sagt und tut.

So erinnern Sie sich doch sicher an die Bilder von den DDR-Bürgern, wie sie sich gestaut haben in der ungarischen Botschaft 1988. Noch einmal ganz genau hingeschaut, könnten sie mittendrin eine 18-jährige entdecken, die da über die Tschechoslowakei und Ungarn in den Westen will und dann vom Auffanglager Gießen aus zu Tante Anna in Wedel geht, allein aber entschlossen. Anna Loos war diese 18-jährige, die bei Tante Anna blieb, von dort aus den Westen eroberte, bald in einer Band spielte, die dann auch gleich auf Tournee in Kanada war. Sie wollte raus und das auch ganz auf sich gestellt. Und sie hat bestimmt auch schnell gelernt, wie das im Westen geht. Trotzdem hat sie nicht vergessen, wo sie aufgewachsen ist und verleugnen würde sie das keinen Augenblick lang. Denn ohne ihre Kindheit, und zwar diese ganz bestimmte Kindheit in der DDR, wäre sie nicht Anna Loos, wäre sie nicht diese hochgradig selbstbewusste und in gleichem Ausmaß unglaublich un-arrogante und damit und deshalb eine große menschliche Wärme ausstrahlende Persönlichkeit.

Auf die Welt kam Anna Loos in Brandenburg. Die Mutter war Krankenschwester, der Vater Ingenieur. Tochter Anna will aber Ballett lernen als sie sechs ist und will Gesangsunterricht haben als sie zwölf wird. Fortsetzung dann im Westen, ab 1992 in Hamburg an der „Stage School of Music, Dance and Drama“. Sie arbeitet in Kabaret und Comedyshows, im Musical Grease, am Theater in Bremen. Sie ist Musikerin in erster Linie. Bis der Schauspieler Michael Gwisdek, der eben auch Filmregisseur ist, sie in einer Nebenrolle eingesetzt hat für seinen Film „Das Mambospiel“, in dem er selbst neben Corinna Harfouch die Hauptrolle spielte. Es folgen drei lehrreiche Jahre als Sekretärin Lissy im Tatort aus Köln. Aber erst als Medizinstudentin in „Anatomie“ von Stefan Ruzowitzky im Jahr 2000 neben Franka Potente, Benno Fürmann, Rüdiger Vogler wird sie wirklich bekannt – weil sie so schön verführen konnte. Dann ein Kinderfilm, eine Komödie, ein Drama in Neufundland. Schließlich der Film „Halt mich fest“ von Horst Sczerba. Warum Sie diese Rock´n Roll Geschichte heute Abend aus Anlass dieser Preisverleihung sehen werden, wird Sie nicht wundern.

„Jetzt erfahren wir mehr“, schrieb die BILD-Zeitung damals, „wie Millionen anderer Arbeitnehmer auch“, hätten sie sich „bei der Arbeit verliebt“. Bei einer Liebesszene, die im Nachhinein die „ehrlichste aller Zeiten“ wäre, sei der Funke übergesprungen. „Und sie hätten es beide gar nicht vorgehabt“, soll Jan Josef Liefers der Bild-Zeitung noch gesagt haben, weil, die haben das beim Film an sich ja immer vor, wollte die Bild-Zeitung damit sagen. Aber der Film beschert Anna Loos und Jan Josef Liefers nicht nur die spätere Ehe, sie kriegt auch einen Darstellerpreis für ihre Rolle. Frech und fordernd, aber auf eine fast unheimliche Weise selbstbewusst, spielte Anna Loos ihre Rolle und hatte damit nicht nur ihn bezirzt, sondern sich zugleich ziemlich weit oben auf die Liste der neuen, ernst zu nehmenden Schauspielerinnen in Deutschland gesetzt. Leider heißt das aber nicht, dass Anna Loos jetzt lauter ganz tolle Filme machen konnte, da waren dann schon einige äußerst herzliche Schmonzetten dabei, zum Üben sozusagen, oder Fernsehfilme aller Art, wie das „Das Echo der Schuld“ nach Charlotte Link zum Beispiel. Aber im selben Jahr 2008 entsteht auch „Das Wunder von Berlin“ von Roland Suso Richter, in dem Anna Loos in einer Nebenrolle noch einmal ins Jahr 1988 darf – oder ihre Mitwirkung in dem Film „Zehn Sekunden“ von Nicolai Rohde, ein Film, den wir hier auf dem Festivals damals auch präsentiert haben. Es folgt „Lilys Geheimnis“, in der sie die Ehre hat, eine Berliner Bordellbetreiberin zu sein und ihr Ehemann Jan Josef ist der Staatsanwalt. 2009 hat sie die Hauptrolle in „Nur ein Sommer“, unserem Publikumslieblingsfilm von 2010 von Tamara Staudt, in dem Anna Loos zuerst die Berliner Arbeitslose ist und dann eine Bäuerin in den Schweizer Bergen, und beides exakt genauso glaubhaft! Besonders wie sie die super-romantische Liebesgeschichte mit Stefan Gubser hinlegt – zuvor in den hölzernen Waschzuber gebettet, ein Bild, das damals sogar unser Festivalplakat zierte. Woraufhin Jan Josef Liefers den Fernsehkoch Clemens Wilmenrod spielte, was er übrigens ganz großartig gemacht hat – und Anna Loos ist die Gattin, damit jetzt mal Schluß ist mit Waschzubern und andern Männern irgendwo in den Bergen! In „Böseckendorf – Die Nacht, in der ein Dorf verschwand“ spielt Anna Loos die Hauptrolle bei dieser Geschichte aus dem Jahr des Mauerbaus 1961 und wird für die Goldene Kamera nominiert, „Wohin mit Vater“ von Tim Trageser, den auch wir hier 2010 im Programm präsentiert haben, der beschert ihr die Goldene Kamera dann als Beste Deutsche Schauspielerin wirklich. Ein Jahr später spielt sie wieder bei Tim Trageser „Die Lehrerin“ und wird unter jubelnden Kritikern dafür nicht nur für den Grimme-Preis nominiert, sondern erhält 2012 auch den Bayrischen Fernsehpreis als Beste Schauspielerin in einem Fernsehfilm. Und den Film „Mord in den Dünen“ von Tim Trageser,als wir ihn letztes Jahr im Programm hatten, hieß er noch „Verschwunden“, an den werden Sie sich erinnern, weil Anna Loos die Berliner Sozialarbeiterin, die in den Mordfall an der Küste verwickelt wird, so großartig spielt, dass man schwören könnte, sie muss mal Sozialarbeiterin gewesen sein.

Sie kann es einfach. Und für all dies hat sie längst unseren Preis heute verdient. Aber wir sind noch nicht fertig mit Anna Loos. Wir haben überhaupt nur knapp die Hälfte dieser Künstlerin erörtert. Denn nicht wenige hier im Saal haben noch gar nicht das Gefühl, das wirklich von ihr gesprochen worden ist, nämlich von ihrer Anna Loos, der Musikerin! Dieser Teil ihres Lebens ist ihr nicht nur ebenso wichtig wie die Schauspielerei, er hat sie auch mindestens genauso berühmt gemacht. Erst schuf sie Soundtracks für zahlreiche Filme, für den Film „Anatomie“ aber auch für „Halt mich fest“ heute Abend – dann wurde sie Sängerin der legendären ehemaligen DDR-Band „Silly“, der sie dereinst schon als Teenager lauschte und deren Frontsängerin Tamara Danz verstorben war. Mit „Ich sag nicht ja“ und „Alles rot“ landeten sie 2010 in den Musikcharts, 2013 folgte „Kopf an Kopf“, für die Anna Loos auch die meisten Texte schrieb. Und natürlich ist Silly auch in diesem Jahr unterwegs, mit riesigem Erfolg. 2000 Fans beim Konzert in Gera am 8. Juni! Vor ein paar Tagen also.

„Intensität“ ist das Stichwort zu Anna Loos – seit einigen Jahren nun in welcher Rolle auch immer doch stets eine Frau verkörpernd, die das Gegenteil von „Just a pretty face“ ist und von der man nicht annimmt, dass sie sich so leicht etwas sagen lässt oder dass sie irgend etwas tun würde, das sie nicht tun möchte – und wenn, dann höchstens ganz privat. Anna Loos tritt auf und füllt die Formate und immer spürt man die Erfahrung. Sie ist eine Vollblutkünstlerin im wahren Sinn des Wortes, weit weg von allem Vorspielen oder Getue und in dem, was sie unternimmt, immer zu 100 Prozent präsent und zugleich in einem sympathischen Sinne wirklich und natürlich. Und eine neue Kommissarin des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen ist sie jetzt auch. Machen Sie also keinen Blödsinn, meine Damen und Herren, zumindest nicht in Nordrhein-Westfalen! Mit Helen Dorn wird nicht zu spaßen sein. Und ich würde eigentlich gern wissen, was die Töchter sagen, wenn Mama jetzt regelmäßig Verbrecher jagt, die eine ist glaube ich 12, die andere 6. Und in irgendeinem Interview hatte Anna Loos erzählt, dass die kleinere Tochter direkt ins Schluchzen verfallen sei als sie Papa auf dem Cover einer Illustrierten sah mit dem Satz „Verlässt er seine Familie?“ darunter. Papa hatte gesagt, eine Ehe müsse man immer frisch halten. Das hat vollkommen gereicht für die Schlagzeile. Die armen Kinder. Wenn ich mir jetzt vorstelle, dass Mama auch noch jederzeit erschossen werden kann…

Mit andern Worten: wir sollten noch ein paar Worte zu Papa verlieren.

Meine Damen und Herren, herzlich Willkommen: Jan Josef Liefers! Und was ihn anbetrifft, fangen wir mal in der Gegenwart an. Was denn sein Vorsatz für das Jahr 2014 wäre, wollte der Tagesspiegel zu Jahresbeginn wissen. Das Fis, hat Liefers gesagt und „Wie bitte?“ werden die beiden Journalisten gedacht haben, von was redet der? Das Fis, diesen hohen Ton wolle er in diesem Jahr in die Knie zwingen, das habe er sich vorgenommen. Ja, und außerdem wolle er überhaupt mehr Zeit haben für sich, für sich und seine Familie – und für das große Nichts. Was für eine schöne Antwort, in der Jan Josef Liefers hier die Frage im selben Moment lächerlich macht wie sie zugleich so ernsthaft zu beantworten, wie es die Journalisten nun auch wieder nicht haben wollten. Sofort erinnert das an die gleiche Direktheit und Ehrlichkeit, fundiert in Ernsthaftigkeit, die auch für Anna Loos gilt, womit wir dann auch wissen, was die zwei zusammenhält.

Woher hat er das? Dieses Potenzial, das einem wie ein Widerstandspotenzial erscheint gegen all die bunten Fragen bunter Blätter zum Leben von Schauspielern, besonders, wenn die auch noch verheiratet sind und das womöglich einfach so? Auch bei ihm muss man von Selbstbewusstsein jenseits aller Arroganz sprechen. Nachdem er die Journalisten erwartungsgemäß verblüfft hatte, weil er sich doch „das Nichts“ wünscht fürs neue Jahr, erklärt er es ihnen – im Unterschied zu einigen anderen seiner Kollegen, die das dann extra nicht weiter erklären würden. Er würde sich nach Langeweile sehnen, sagt er ihnen. Ok, denken die beiden, geben auf und fragen ihn dann halt nach seinem Musikmachen. „Oblivion“ heißt seine Band, „Vergessenheit“. Was er denn vergessen wolle, mit diesem Bandnamen, fragen sie ihn. Sich selbst, wolle er vergessen, sagt er. Besser kann man dem Zeitgeist junger Herren von heute, die alle ihr gut gepflegtes Ego auf die Aufstiegsleiter zwingen, nicht widersprechen. Aber deshalb mache er Musik, sagt er, um sich selbst zu vergessen, um neben sich zu stehen, um davon zu treiben aus dem, was das wache Ich täglich für die Selbstverpflichtung bereit hält. Jan Josef Liefers versteckt sich nicht. Aber er zeigt sich auch nicht. Weder noch: weder sich verstecken, noch sich zeigen. Dasein, sobald die Kamera angeht, aber mit einem Teil der Person zugleich auch nicht ganz da sein, so, als würde man sie noch aufheben wollen für anderes. Vielleicht ist deshalb die Bühne für ihn dann am schönsten, wenn er auf ihr Musik machen darf und mittreiben mit den Kollegen Musikern oder den Zuhörern. Die Selbstvergessenheit, die damit einher geht, fasziniert ihn, dieses Sich-Von-Sich-Lösen, das Davon-Treiben-Dürfen…

Und ich soll Ihnen jetzt erklären, wo das herkommt? Naja – nicht nur die Mutter, Brigitte Wähner ist Schauspielerin, sondern der Vater Karlheinz Liefers ist Theaterregisseur – und Opa Heinz, also dessen Vater, war auch schon Schauspieler. Da fragt man sich vielleicht schon, wenn man jung ist, wo genau denn jetzt dieses sogenannte Ich zu finden sei, das da dauernd nur gespielt oder inszeniert wird, aber sehr präsent ist. Und schon ist es zu spät für jeden anderen Beruf.
Geboren 1964 in Dresden, also in der DDR, macht er jedenfalls erstmal eine Tischlerlehre, etwas Handfestes, wobei – selbst die fand schon im Kulissenbau des Theaters statt. Nein, es gab offensichtlich kein Entkommen. 1983 geht er auf die Ernst Busch Schule für Schauspielkunst, und 1989 im Wendejahr spielt er seine erste Filmrolle in einer Koproduktion des ZDF mit der DEFA „Die Besteigung des Chimbo razo“ – Liefers als der junge Alexander von Humboldt. In dieser Zeit war er zugleich auch am Deutschen Theater Berlin, bei dem damals auch jemand wie Heiner Müller tätig war. Er gründet eine Experimentalbühne zusammen mit Tobias Langhoff und sie inszenieren Harold Pinter. 1990 ist Jan Josef Liefers in Hamburg unter Vertrag, im Thalia Theater, bei Jürgen Flimm, Robert Wilson, auch bei unserem Werner Schroeter, für den wir das letzte Filmfestival waren, bei dem er seinen letzten Film „Diese Nacht“ präsentieren konnte. 96 werden die meisten von Ihnen ihn kennen gelernt haben, nämlich in „Rossini – Oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief“ von Helmut Dietl. Seinen ersten Preis erhält er für seine Rolle in diesem Film – den Bayrischen Filmpreis für Nachwuchsschauspieler. Und ein Jahr später spielt er Til Schweiger nahezu an die Wand als krebskranker Rudi in „Knockin on Heavens´s Door“ von Thomas Jahn. Nach diesen beiden Filmen hatten ihn schon mal sieben Millionen im Kino gesehen. Aber dann kam das Fernsehen. Seit 2002 steht er zweimal jährlich mit Axel Prahl für den WDR-Tatort als merkwürdiger Professor vor der Kamera – und alle lieben ihn dafür. Und deshalb wissen viele auch nicht, was der Mann alles noch gemacht hat: nämlich in zahlreichen Filmwerken und immer spielte er eine Rolle besser als die andere. 1999 in der Komödie „Jacks Baby“ und der Horror-Komödie „Sieben Monde“, in „Halt mich fest“, in „Ein Deutscher hinter Gittern“. Wobei er in all diesen Filmen stets die Hauptrolle hatte. Dann folgt der Film „Die Frauenversteher. Männer unter sich“, in dem er außerdem auch zum ersten Mal Filmregie führt und das Buch hatte er auch geschrieben und die Musik auch. „Das Wunder von Lengede“, dann „Die Nachrichten“ mit ihm in der Hauptrolle als einem Ossi im Westen, „Der Untergang der Pamir“, „Die Entscheidung“, dann die Hauptrolle in „Die Sturmflut“, die von Hamburg von 1962, oder in „Frühstück mit einer Unbekannten“ neben Julia Jentsch, „Bis zum Ellenbogen“ neben Stefan Kurt, „Lilys Geheimnis“ neben Anna Loos. Er ist der Fernsehkoch Clemens Wilmenrod – und das jetzt vermutlich für alle Zeiten, so wie er dieses Scharlatan-Genie umgesetzt hat. Er spielt in „Die Spätzünder“, „Der Mann auf dem Baum“, 2011 auch in Schweden im Film „Simon“, dann „Das Kindermädchen“ , „Man tut was man kann“, „Der Turm“, „Baron Münchhausen“, „Nacht über Berlin“, „Die letzte Instanz“…
Ich hab das noch nicht erlebt, dass ich für eine Laudatio die Filmwerke durchgehe und dann immer wieder staunend dasselbe feststellen muss: die Hauptrolle hat immer dieser Jan Josef Liefers! Jedesmal. Und bei nicht wenigen Filmen hat er auch noch das Drehbuch geschrieben. Und Hörbücher gelesen hat er übrigens auch, Unmengen an Hörbüchern! Ian McEvan, Frank Schätzing, Gabriel Garcia Marquez, sogar der Kleine Prinz ist dabei. Und damit es Ihnen auch so die Sprache verschlägt wie mir, hier noch eine andere feine lange Liste: 1996 überreicht man Jan Josef Liefers den Bayrischen Filmpreis für seine Rolle in „Rossini“, im Jahr 2000 den Fernsehpreis der Akademie der Darstellenden Künste für „Halt mich fest“ sowie den Bayrischen Fernsehpreis für Regie und Darstellung in „Jacks Baby“, 2003 den Bambi für „Das Wunder von Lengede“ und den Adolf Grimme Preis auch, 2010 den „Premio Baccio“ in Italien, 2011 die Goldene Kamera für seine Arbeit im Tatort, und einen Jupiter Award und eine Goldene Henne, dann einen schwedischen Filmpreis, noch n Bambi, noch n Grimme Preis – ja, und das Bundesverdienstkreuz am Bande kriegt er auch.

Aber Halt! Das kriegt er nicht für einen Film, sondern für sein soziales Engagement. Das hatte im Wendejahr angefangen, wo man ihn auf der Demo im November 1989 am Rednerpult sieht, bei den berühmten Alexanderplatz-Demos. Und zwanzig Jahre später ist es sein Engagement in der Aktion „Deine Stimme gegen Armut“. Und gegen die Spekulation mit Nahrungsmitteln ist er auch, ebenso wie er sich öffentlich dafür einsetzt, dass Edward Snowden in Deutschland Asyl erhält anstatt ihm das aus Loyalität zu den USA zu verweigern, obwohl es rechtens wäre. Jetzt wissen wir auch, warum er dem Tagesspiegel gesagt hat, er wolle sich mal wieder so richtig langweilen… Oder weiter in Ruhe an seinem Drehbuch schreiben, eine Tasse Kaffee dazu und zwischendurch die Kinder von der Schule abholen. Er würde sehr gern, hat er erzählt, einen Film über die Tage drehen, in denen Erich Honecker mit seiner Frau Margot nach seiner Absetzung im April 1990 beim Pfarrer Uwe Holmer in Lobetal in Brandenburg lebte. Leider würde dieser Pfarrer nichts erzählen wollen von damals. Aber es gäbe Material und sie würden am Drehbuch arbeiten. Vielleicht kriegen wir ihn so endlich? Diesen Film, auf den ich schon lange warte und in dem man das Leben in der DDR versteht, ohne es sofort kritisieren zu müssen? Jan Josef Liefers jedenfalls befasst sich schon lange mit diesem Thema. Nämlich in jenem anderen großen Bereich seiner Arbeiten, der sich nicht weniger als die anderen mit dem Namen Jan Josef Liefers verbindet – der Musik. Mit seiner Band „Jan Josef Liefers & Oblivion“ will er, wie er sagt, den Soundtrack seiner Kindheit in der DDR erzählen und ihn noch einmal aufleben lassen, wenigstens mental. Und treibend, das Ich davon und zurück in die Geschichte ziehen lassend. Die DDR – sie habe ihn geprägt, sagt er, aber das Soziale, nicht so sehr das Politische. Also doch das Politische, würde ich jetzt dazu sagen. Wenn man Politik als das sieht, was es eigentlich immer ist: nicht die Verlautbarungen der Regierenden, sondern das Leben der Menschen. Für Liefers jedenfalls ist Politik durch seine Prägung in der Kindheit immer etwas, das unten stattfindet und nicht oben, etwas, das man erlebt, erleidet, mitmacht aber nicht mitmachen muss. Er sagt, er sei erschrocken darüber, die wenig Spuren die DDR bei ihm hinterlassen habe. Ich aber denke, die sind nicht so gering wie er glaubt. Er ist sogar ein geradezu klassischer Fall eines – wie ich finde – wunderbaren Erbes aus der DDR-Zeit, eines rein mentalen Erbes – nämlich der besagten Abwesenheit der Überheblichkeiten westlichen Typs, Arroganz, die vielleicht den Standesdünkel der Kleinadligen früherer Zeiten jetzt aber durchs Geld beerbt hat. Bei Jan Josef Liefers wie bei Anna Loos aber ist deren Arbeit stets und in jedem Bereich fest verbunden mit dem sicheren Gefühl dafür, dass man als Einzelner immer ein Teil der Gemeinschaft ist.

Am 8. August diesen Jahres wird Jan Josef Liefers 50. Er habe in dieser Zeit nicht nur viel Theater gespielt und viele Filme gedreht. Er spiele mit seiner Band und er habe auch ein Buch geschrieben und vier tolle Kinder habe er auch, zwei nämlich aus den Beziehungen davor, ganz abgesehen von seiner selbstbestimmt-starken Frau namens Anna, wie er sagt. Und wenn man als Künstler sowohl Euphorie wie Zweifel gut kenne und auch selbstkritisch sei, dann erfahre man aus einer Kritik selten etwas, das man nicht schon gewusst hätte. Was ihn stark mache, stehe nicht in Zeitungen. Trotzdem bliebe da ein Rest von Spannung, ob man öffentlich gelobt oder getadelt wird. Und ich hoffe, das gilt auch für heute Abend! Und wie es denn dann sei, 50 zu werden, wollen die Journalisten wissen, wobei sie das sehr schön formuliert haben: „Wie wird man in ihrem Alter 50?“ So einen Tag, sagt er, den trinke man am besten in Grund und Boden. Aber er fände es gut, wenn dazu Familie und Freunde anrücken würden, zu allem entschlossen. Sehen Sie, was ich meine? Der ist nicht allein auf der Welt und glaubt es auch nicht. Und was sein fraglos vorhandenes Ego anbetrifft, dass gefällt ihm ja ohnehin dann am Besten, wenn es beinah verloren geht. Meine Damen und Herren, genug geredet. Wir sorgen jetzt dafür, dass Liefers bei seinem 50. Geburtstag noch eine kleine Trophäe seines Wirkens im Schrank stehen hat, unseren „Preis für Schauspielkunst“.
Und was Anna Loos betrifft, haben wir auch schon alles gesagt, was Sie wissen mussten, damit Sie verstehen, warum die beiden ihn unbedingt kriegen mussten in diesem Jahr, dem 10. Jahr ihres und unseres Zusammenseins.

Bitte begrüßen Sie mit mir die Preisträger unseres „Preises für Schauspielkunst 2014“ – Anna Loos und Jan Josef Liefers!

Das 14. FESTIVAL DES DEUTSCHEN FILMS LUDWIGSHAFEN AM RHEIN geht nach 19 Tagen mit jetzt 115.000 Besuchern zu Ende

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Das 14. Festival des deutschen Films Ludwigshafen am Rhein ist eröffnet:

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