LUDWIGSHAFENER PETITION

Eine reine kulturelle Filmförderung muss vom Gesichtspunkt der Wirtschaftlichkeit befreit werden – die kulturwirtschaftlich orientierte Filmförderung dagegen darf bei der Förderentscheidung den wirtschaftlichen Gesichtspunkt in den Vordergrund stellen.

Die Vermischung von wirtschaftlichen und künstlerischen Intentionen und die damit verbundenen Ungereimtheiten, Unklarheiten und Ungerechtigkeiten werden beendet.

Auf Landes- und Bundesebene werden jeweils zwei getrennte Filmförderungen für entweder kommerziell dominierte oder künstlerisch dominierte Filmvorhaben eingerichtet. Der künstlerische Film muss vom Druck der Refinanzierung befreit werden, um sich überhaupt entfalten zu können. Umgekehrt dürfen primär kommerziell intendierte Filmvorhaben Qualitätsgesichtspunkte als zweitrangig behandeln.  Die Trennung der Schwerpunkte bei der Förderung des Films bedeutet nicht, dass künstlerisch anspruchsvolle Filme nicht zugleich auch wirtschaftlich erfolgreich sein dürfen oder dass eher kommerzielle Filmvorhaben nicht eine hohe Qualität haben können. Die Trennung der beiden Sphären erfolgt pragmatisch dadurch, dass der jeweilige Produzent eines Filmvorhabens souverän entscheidet, wo der Schwerpunkt des Filmprojekts liegt und damit die größere Chance auf Bewilligung der Förderung besteht.

Die Ludwigshafener Initiative wird allein verantwortet vom Festival des deutschen Films Ludwigshafen am Rhein gGmbH. Sie sammelt ab sofort UnterstützerInnen für diese Forderung im Rahmen einer Online-Petition auf fflu.de.

LUDWIGSHAFENER PETITION

Wir brauchen eine neue Filmkulturförderung!
Die Teilnehmer der 3. Ludwigshafener „Inselgespräche Kino“ fordern einen radikalen Umbau der Filmförderung zur Rettung des anspruchsvollen deutschen Films

Ludwigshafen, den 8. September 2018 — Unter dem Thema „Wie viel Förderung braucht der anspruchsvolle deutsche Film?“ diskutierten Produzenten, Filmemacher, Autoren, Schauspieler und Redakteure auf Einladung von Festivaldirektor Dr. Michael Kötz die aktuelle Situation des deutschen Films. Daraus ergab sich der grundsätzliche Gehalt dieser Petition.

Was dereinst vor 50 Jahren in Deutschland mit der Intention der gesellschaftlichen Verbreitung intelligent-unterhaltender aber auch aufklärender Filmkunst begann, ist zu einer Art automatischer Subventionsmaschine geworden, in der kaum jemand – schon aus Eigeninteresse – den Wunsch hat, etwas zu verändern. Jede Kritik prallt an diesem geschlossenen, sich selbst beglaubigenden System ab. Es ist ein Fördersystem, das den Fortbestand des deutschen Arthouse Kinos nicht mehr in ausreichendem Maße sichert.

Der deutsche Arthouse Film ist beliebt und gefragt, wie u.a. das „Festival des deutschen Films Ludwigshafen am Rhein“ jährlich mit über 100.000 BesucherInnen beweist. Laut Umfrage aber gehen diese von anspruchsvollen deutschen Filmen begeisterten Festivalbesucher zu 90% nicht ins alltägliche Arthouse-Kino. Sie finden dort nicht die Filmwerke, die sie sehen wollen.

Das Spektrum des deutschen Films in den Kinos ist dramatisch ausgedünnt und verarmt. Die TOP 10 Filme (EDI-Liste) belegen 90 Prozent aller Leinwände und für die rund 200 anderen deutschen Filme eines Jahres verbleiben 10 Prozent. Dies wird damit begründet, dass die KinobesucherInnen das so haben wollten, obwohl zuvor dafür gesorgt wurde, dass sie andere als die TOP 10 Filme gar nicht mehr im Kino vorfinden. Eine sich selbst bestätigende Prophezeiung mit dramatischen Folgen: Das Arthouse Kino droht damit in Kürze endgültig aus den deutschen Städten und Kommunen zu verschwinden.

Die Filmförderung hat sich auf Bundes- wie auf Landesebene in den letzten Jahren zunehmend zu einer „Spitzenförderung“ anstatt „Breitenförderung“ entwickelt. Man will die Anzahl der produzierten Kinofilme künstlich so reduzieren, dass dies der Entwicklung in den Kinos entspricht und zugleich die Geldmittel bei wenigen konzentriert. Das weite Spektrum anspruchsvollerer deutscher Filme wird damit dramatisch bedroht.

Nach der Novellierung des Filmförderungsgesetzes wurden die Vergabekriterien massiv verschärft, um die Anzahl der produzierten Filme insgesamt zu reduzieren. Nutznießer der Veränderung ist aber in erster Linie der kommerziell dominierte Film, der anspruchsvolle Arthouse Film bleibt auf der Strecke. Verschärft wird die Situation noch durch den Einstieg der Förderinstitutionen in die Unterstützung serieller Produktionen für die digitalen Plattformen Amazon, Sky und Netflix, ohne die Fördersumme insgesamt zu erhöhen.

Die EU-Richtlinie, nach der nur kulturwirtschaftliche Projekte national gefördert werden dürfen, wird eingehalten, insofern wirtschaftlich dominierte Filmvorhaben ohne jede künstlerische Dimension grundsätzlich nicht in Frage kommen.

Für viele Kreative ist die Situation inzwischen existenzbedrohend. Arthouse Filme sind chronisch unterfinanziert, ProduzentInnen, RegisseurInnen, AutorInnen und SchauspielerInnen reduzieren oder verzichten ganz auf Gagen und Tantiemen, um überhaupt arbeiten zu können. Wer sich das nicht leisten kann, wechselt den Beruf. So verliert der deutsche Film Kreative, die er dringend braucht, um die Vielfältigkeit, Radikalität und Relevanz wiederzuerlangen, die ihn einst zu Weltruhm führten.

Aus dieser Analyse folgt die Forderung nach einer prinzipiell einfachen, aber wirkungsvollen Maßnahme:

Eine reine kulturelle Filmförderung muss vom Gesichtspunkt der Wirtschaftlichkeit befreit werden – die kulturwirtschaftlich orientierte Filmförderung dagegen darf bei der Förderentscheidung den wirtschaftlichen Gesichtspunkt in den Vordergrund stellen.

Die Vermischung von wirtschaftlichen und künstlerischen Intentionen und die damit verbundenen Ungereimtheiten, Unklarheiten und Ungerechtigkeiten werden beendet.

Auf Landes- und Bundesebene werden jeweils zwei getrennte Filmförderungen für entweder kommerziell dominierte oder künstlerisch dominierte Filmvorhaben eingerichtet. Der künstlerische Film muss vom Druck der Refinanzierung befreit werden, um sich überhaupt entfalten zu können. Umgekehrt dürfen primär kommerziell intendierte Filmvorhaben Qualitätsgesichtspunkte als zweitrangig behandeln.

Die Produktionsförderung wird auf allen Förderebenen ergänzt durch eine wirkungsvolle Förderung des Marktzugangs bzw. der Präsentationsformen der Filme. Diese kann – mit 10 Prozent der Produktionsförderung – an die jeweiligen Filmwerke gebunden sein oder als von Filmwerken unabhängige Subvention von Arthouse Kinos, neuen Präsentationsformen, Arthouse Festivals gewährt werden.

Die Trennung der Schwerpunkte bei der Förderung des Films bedeutet nicht, dass künstlerisch anspruchsvolle Filme nicht zugleich auch wirtschaftlich erfolgreich sein dürfen oder dass eher kommerzielle Filmvorhaben nicht eine hohe Qualität haben können.

Natürlich kann niemand genau definieren, wo die Grenze zwischen kommerziellem und künstlerischem Schwerpunkt verläuft. Dies darf aber kein Hinderungsgrund sein für diesen überfälligen und äußerst wirkungsvollen Schritt. Er verspricht Klarheit der Intention und der Gremienentscheidungen sowie eine klare Messbarkeit von verschieden definierten Erfolgen.

Die Definition und Trennung der beiden Sphären erfolgt ganz praktisch und subjektiv dadurch, dass der jeweilige Produzent eines Filmvorhabens souverän entscheidet, wo der Schwerpunkt des Filmprojekts liegt und damit die größere Chance auf Bewilligung der Förderung besteht. Diese Entscheidung wird immer eine des Schwerpunkts des Vorhabens sein und nicht der absoluten Zuordnung zur einen oder anderen Seite.

Analog werden Verleiher, Kinobetreiber, Projektinitiatoren von Abspielformen jeweils selbst entscheiden, welchem Schwerpunkt der Förderungsmöglichkeiten sie sich zuordnen.

Im kommerziell orientierten Gremium entscheiden Fachleute mit primär filmwirtschaftlicher Orientierung, die Subventionsgelder werden als Darlehen vergeben. Sie treffen ihre Entscheidung primär mit Bezug auf die Chance nach möglichst hohen Umsätzen bzw. Wirtschaftseffekten für Land und Region. Die Förderbeträge können hier bedingt oder unbedingt rückzahlbar sein.

Im filmkünstlerisch orientierten Gremium entscheiden Fachleute mit filmästhetischer Ausrichtung. Diese Gremien treffen ihre Entscheidungen völlig unabhängig davon, welche Chancen auf Zuschauerakzeptanz und damit auf wirtschaftlichen Umsatz ein Vorhaben hat. Die Förderbeträge müssen hier weitestgehend von der Verpflichtung zur Rückzahlung befreit sein.

Die Mitglieder beider Gremien werden für maximal vier Jahre berufen und ihre positiven wie negativen Entscheidungen müssen grundsätzlich begründet und öffentlich zugänglich sein.

Die Ludwigshafener Initiative wird zunächst allein verantwortet vom Festival des deutschen Films Ludwigshafen am Rhein gGmbH. Sie sammelt ab sofort UnterstützerInnen für diese Forderung im Rahmen einer Online-Petition auf www.fflu.de.

 

Sie möchten diese Petition unterstützen? Schreiben Sie uns eine E-Mail an petition@fflu.de
Wir freuen uns über Ihr Kommentar per E-Mail oder gerne auch via Facebook!

UnterstützerInnen

der Ludwigshafener Petition

Dr. Michael Kötz (Festivaldirektor)
Daniela Kötz (Programmdirektorin)
Felix Neunzerling (Medienagentur Zoom)
Alfred Behrens (Filmuniversität Babelsberg)
Connie Walther (Regisseurin)
Nahuel Lopez (Regisseur & Produzent)
Lars-Christian Reiher
Andreas Mücke Niesytka 
(Filmtonmeister)
Martin Rehbock
(Produzent)
Peter Bösenberg
 (Regisseur & Autor)
Olaf Winkler (Autor & Dramaturg)
Petra K. Wagner 
(Regisseurin)
Peter Stockhaus (Als Verleiher, Produzent, Filmemacher: Ein dreifaches "Ja, genau!“)
Tom Bohn (Regisseur und Festivalleiter: Snowdance Filmfestival)
Kristina Konrad (Produzentin)
Volker Sattel (Regisseur)
Sabine Michael (Regisseurin, Autorin)
Sven Taddicken (Regisseur)
Oliver Zenglein(Crew United | Lutz & Zenglein GbR)
Ellen Wietstock (Filmjournalistin / black box)
Bernd Wolpert(EZEF)
Frederice Klinge (Filmemacherin)
Prof. Hartmut Jahn(Filmemacher und Professur an der Hochschule Mainz)
Stefan Hillebrand (Produzent)
Peter Heilrath (Produzent)
Dominik Graf (Regisseur)
Kolja Malik (Regisseur)
Robert Fischer (Filmpublizist)
Hamburger Kino e.V. Hamburg
Gängeviertel e.V. Hamburg

Alexandre Powelz (Regisseur)
„Die Ludwigshafener Initiative spricht mir aus vollem Herzen. Als Filmemacher habe ich mit meinem Debütfilm selbst erleben dürfen, wie schwer es kleine, anspruchsvolle Produktionen jenseits der Festivals, im Kino, haben. Sie kommen dort schlicht nicht vor, oder nur als Alibi und sind für den interessierten Zuschauer kaum zu entdecken, so kurz sind die Laufzeiten. Festivals wie das Festival des deutschen Films in Ludwigshafen zeigen aber, dass es ein großes Interesse an derartigen Filmen gibt. Die Forderungen nach einer Reform der Filmförderung halte ich für unabwendbar und den Ansatz der Ludwigshafener Petition für völlig richtig. Es muss eine rein kulturelle Filmförderung geben, die den künstlerischen Film von Beginn an vom Druck der Wirtschaftlichkeit befreit und diese Filme damit überhaupt ermöglicht. Ich will diese Initiative sehr gerne unterstützen.“

Christine Ruppert 
(Produzentin)
Die Vermischung von Kulturförderung und Wirtschaftsförderung muss in Deutschland beendet werden, da wir sonst unsere ganze Filmkultur verlieren werden.“

Franz Indra
 (Filmemacher)
„Eine Trennung der Filmförderung in einen künstlerischen und einen kommerziellen Zweig wünsche ich mir schon seit Langem.“

Michael Rüdel 

„Der Text spart unsere durchaus kontroverse Diskussion der Rolle der öffentlich- rechtlichen Fernsehanstalten leider völlig aus, obwohl deren derzeit de facto überproportionaler Einfluss m.E. thematisiert werden sollte.“

Benjamin Teske
Als dritte Säule der Filmförderung wäre dann noch der NACHWUCHS hinzuzufügen. Bis zum 2. oder 3. Spielfilm. Hierfür sollte es ein weiteres Gremium geben.“

Thees Klahn
 (Dragon Cine Venture Images Entertainment)

Joachim von Mengershausen

„Es freut mich Sehr, dass Sie eine neue Differenzierung in das alte, erstarrte Fördersystem einbringen wollen, und Wünsche Ihnen Erfolg. Das herrschende Fördersystem darf eben nicht überall durch den Markt bestimmen lassen. Diese Einsicht müsste bereits in der Ausbildung in Schulen und Universitäten wichtig genommen werden!“

Stefan Hering 
„10 % der Fördersumme für eigene Vertriebsmaßnahmen und damit ein Stück weit unabhängig vom Verleiher auszugeben, stärkt die Eigenständigkeit der Produzenten bei der Bewerbung ihrer Filme. Klasse!“

Jan Speckenbach

"Eine hinreichende Präsenz des künstlerischen Filmes in den Kinos muss weiter gewährleistet sein, die Aufteilung des Marktes sollte dabei flexibel, aber gesteuert bleiben durch spezifische Förderungen von Abspielstätten künstlerischer Filme, wie es sie ja schon heute gibt, oder auch eventuelle Quotenregelungen, die aber späteren Diskussionen vorbehalten bleiben sollen.“

 

Holger Mandel (Regisseur)