Reden & Laudationes der 15. Festivalausgabe 2019

Die Eröffnungsrede vom 21. August 2019

Am Lagerfeuer der bewegten Bilder 

Meine Damen und Herren, wir haben es geschafft: wir sind 15! Heute beginnt die 15. Ausgabe des Festival des deutschen Films Ludwigshafen am Rhein. Und wir blicken zufrieden zurück auf eine rasante Entwicklung. Mit wenigen Tausend Besuchern haben wir begonnen. Aber schon dieser kleine Anfang wäre nicht möglich gewesen ohne ein Unternehmen, das die Entstehung dieses Filmfestivals mit großem Vertrauensvorschub mit einem ansehnlichen Betrag ermöglicht hat. Meine Damen und Herren, unser großer Dank dafür, an die damalige und an die heutige Führung –  geht an die die BASF!

Die Förderung geschah vor 15 Jahren im Kontext der Gründung der Metropolregion Rhein-Neckar, weil man sich einen kulturellen Leuchtturm gewünscht hatte, etwas, das nach außen strahlt aber auch nach innen verbindet und zusammenbringt. Und genau das sind wir tatsächlich geworden – von einer unglaublichen Anzahl an Menschen besucht, die uns zum zweitgrößten, zweitbeliebtesten Filmfestival ganz Deutschlands gemacht haben und mit einem Ruf der Verbindung von Filmkunst mit Lebensqualität, der uns in der Presse zum „schönsten Festival Deutschlands“ hat werden lassen. Zu unserer Entschlossenheit damals, ein solches Festival zu gründen, musste das hinzukommen, was man Kairos nennt, das Glück des richtigen Augenblicks, die Gunst der Stunde.

Das Festival des deutschen Films ist ein Leuchtturm geworden - für Ludwigshafen am Rhein innerhalb der Region und zugleich für die Region in ganz Deutschland. Wir konnten im Verlauf dieser 15 Jahre mithelfen, einer Industriestadt ein Glanzlicht zu verpassen, dass die Stadt – natürlich zusammen mit den vielen anderen Kultur-Events – leuchten und leben lässt, nach innen wie nach außen – und so ein bisschen aus dem Schatten hat treten lassen, auch mancher Nachbarstadt, zumindest in ersten Schritten.

Und es geschah zu gegenseitigem Nutzen: Was wir Ludwigshafen geben, das gibt uns diese Stadt zurück, nämlich in Gestalt der Parkinsel, ohne deren Atmosphäre wir niemals das geworden wären, was wir sind. Ich bedanke mich an dieser Stelle von Herzen bei der Stadtgesellschaft und zusätzlich und besonders bei den unmittelbaren Anwohnern hier der Insel, denen wir zwar - so gut wir nur können - entgegenkommen, die aber natürlich dennoch manche Einbußen in diesen Wochen des Jahres hinnehmen müssen. Unseren Dank!

 

Zur BASF als Sponsor sind im Laufe der Jahre immer mehr Unternehmen hinzugekommen, die TWL, die GAG, die Rheinpfalz, das Klinikum, die Sparkasse Vorderpfalz, die RNV, m:con, und jetzt neu die Orthopädie Kurpfalz und Prof. Dr. Dhom & Kollegen. Es sind Unternehmen, die dieses Filmfestival wirkungsvoll finanziell unterstützen. Auch ihnen danken wir ganz herzlich! Und die Landesregierung – die trägt zumindest über den Kultursommer zum Gelingen bei. Unsere Förderer und Sponsoren tragen insgesamt einen unverzichtbaren Anteil am Budget des Festivals, der es in dieser Qualität erst möglich macht. Zugleich freilich ist es nicht nur für unseren Ruf, sondern auch für das Budget entscheidend, dass wir es in diesen 15 Jahren geschafft haben, mit oft über 1000 Zuschauern in einer einzigen Vorstellung zu glänzen. Das ist ein nicht zu unterschätzender Faktor des Erfolges dieses Filmfestivals. So viele Menschen gibt es außer auf der Berlinale nirgendwo in Deutschland. Ohne diese großartige Menge an Besuchern wären wir nicht nur nicht da, wo wir sind, wir wären vermutlich überhaupt nicht mehr da. So aber sind wir ein Publikumsfestival im wahren Sinne geworden – und wir sind es in einem neuen Sinne.

 

Denn was wir Ihnen zu bieten haben in den kommenden 19 Tagen: neben 9 Open-Air- und 9 Kinderfilmen sind das 53 neue deutsche Filme und 13 internationale, ausgewählt aus vielen Hundert Möglichkeiten und ästhetisch wie thematisch in zahlreichen Varianten. Das kann sich zwar sehen lassen, aber Sie müssten gar nicht unbedingt hier sein, um diese Filme aus dem Programmheft zum Großteil im Laufe der kommenden Monate doch irgendwie und irgendwo sehen zu können. Wegen der Filme und weil es die nur hier und sonst nirgendwo zu sehen gäbe, sind Sie also nicht hier. Und doch sind Sie wegen der Filme hier. Sie wollen dabei sein, wenn die Lichter ausgehen im Saal und auf dem großen Bild der Leinwand eine Geschichte erzählt wird.

Weil das so anders ist als Ihr Filmabend normalerweise daheim. Nehmen wir den von gestern. Sagen wir von 19.15 Uhr bis Mitternacht, an dem Sie erst eine Serienfolge, dann einen Krimi, dann Nachrichten, dann eine Doku über das Leben der Waldameisen, gefolgt von einem Bericht vom Parteitag Ihrer Lieblingspartei und schließlich einen merkwürdigen Film aus der Ukraine gesehen haben, letzteren aber nur halb, denn dann war es Mitternacht und heute früh mussten Sie wieder raus. Es war ein netter Abend, aber Sie erinnern sich kaum: zu viele Orte, zu viele Geschichten, zu schneller Wechsel. Vielleicht ist Ihnen ein Detail von gestern etwas länger im Gedächtnis, eine Szene, eine Fragestellung. Aber im Grunde war das eine Art Bildermaschine, die Sie angeschaltet und irgendwann gegen Mitternacht wieder ausgeschaltet haben. Sie haben nicht genau gewusst, was Sie eigentlich sehen werden, außer vielleicht um 22.15 Uhr die Tagesthemen, aber Ihr schöner großer neuer Bildschirm hat Ihnen den Anschluss an die Welt garantiert. Es war eine Welt der Tatsachen, aber auch der Phantasien und Träume, der Hoffnungen und Befürchtungen. Sie haben mit der Welt kommuniziert, an ihr teilgenommen, mit Fakten und Träumen gemischt. Damit Sie mich nicht falsch verstehen: es ist gut, dass Sie und wir alle das so oft machen. Wir vergewissern uns damit der Gesellschaft, in der wir leben, unserer Lebenszeit , so wie es vor uns auf ähnliche, nur technisch andere Weise geschah: durchs Erzählen, Berichten, durch Klatsch und Tratsch, Reiseberichte und Neuigkeiten aus fernen Städten.

 

Jetzt aber, meine Damen und Herren, sind Sie hier und Sie sind in einer Art Ausnahmesituation. Sie sind auf einem Filmfestival, haben sich gezielt ein paar Filme herausgesucht, Einzelwerke, die sie unbedingt sehen wollen. In der Regel deshalb, weil Sie die Geschichten interessieren. Sie versprechen sich ein Abenteuer für die Sinne, jene Kombination aus Sinn & Sinnlichkeit, die die Filmkunst bieten kann wie keine andere Kunst. Und Sie erwarten, dass eine Geschichte faszinierend beginnt und sie nach eineinhalb Stunden bereichert wieder in die Realität entlässt. Sie machen einen Ausflug an einen bestimmten Ort, in eine bestimmte Situation, die Ihnen zuvor in unseren Texten beschrieben wurde. Sie sind nicht ziellos unterwegs und nicht endlos. Sie möchten den Moment erleben, wo es in der, sagen wir 94. Minute, „wie schade“, schon zu Ende ist. Sie nehmen den einzelnen Film wie eine Erfahrung mit Anfang und Ende, abgerundet, abgeschlossen, das Erlebte in sich verschließend. Vielleicht so, dass man gerne anderen davon erzählt. Manchmal hängt es sogar wie ein Gemälde an der inneren Wand ihres Gedächtnisses. Denn manche Filme mogeln sich in Sie hinein, als hätten Sie selber genau das erlebt. Und auch wenn Sie zunächst wegen eines Themas gekommen sind, so wird dieses doch buchstäblich verschwinden hinter der Erfahrung, hinter der Gestimmtheit des Films, seiner Atmosphäre, seiner Haltung zur Welt, seiner sozusagen visuell-akustischen Erotik - nicht sein Aussehen, sondern seine Ausstrahlung macht es. Es ist so, wie man sich selbst Geschichten erzählt, nämlich nachts im Traum, wo die Story eigentlich ziemlich egal ist, die Atmosphäre um diese Story herum aber alles. Wir sind überhaupt süchtig nach Geschichten, besonders solchen mit Atmosphäre. Wir lieben Sie seit unseren Tagen in der Höhle im Wald, wo uns nur die Erzählungen von dem, was andere Stammesmitglieder erlebten, davor bewahrt haben, deren Fehler zu begehen. Zugleich müssen wir damals an den Lagerfeuern gelernt haben, dass die erzählten Erlebnisse anderer unser Leben nicht nur praktisch erleichtern, sondern auch sinnlich erweitern, es vergrößern durch die Welt der Phantasie. Heute brennt unser Lagerfeuer hier in der Höhle vor der Leinwand. Wir fühlen uns aufgehoben in der Menge und das macht glücklich. Das wollte ich Ihnen sagen, meine Damen und Herren, damit Sie auch wissen, warum Sie hier sind und zum Auftakt der 15. Ausgabe dieses Festivals: dass ich mich freue, in welch großer Zahl und mit welch großer Begeisterung Sie wieder dabei sein wollen an unserem - Lagerfeuer der bewegten Bilder.

Herzlich Willkommen beim 15. Festival des deutschen Films Ludwigshafen am Rhein!

Regiepreis Ludwigshafen 2019 an Rainer Kaufmann

Ich begrüße Sie herzlich, meine Damen und Herren, zu einem besonderen Abend, einer Preisverleihung, die einem Regisseur gilt: der Verleihung des „Regiepreis Ludwigshafen 2019“ an einen Meister der Filmregie – Rainer Kaufmann!

 

In einer Viertelstunde werden Sie dazu den einen seiner beiden neuen Spielfilme sehen „Und wer nimmt den Hund?“ mit Martina Gedeck und Ulrich Tukur – die beide hier bei uns ebenfalls ausgezeichnet wurden, nämlich mit dem „Preis für Schauspielkunst“ 2017 und 2016.

 

Dieser Film, meine Damen und Herren, ist ein Paradebeispiel für etwas, das unsere deutsche Filmlandschaft markiert wie kaum etwas anderes und dabei zugleich merkwürdig überflüssig ist. Die Rede ist von einer Art Grabenkrieg, den Sie, meine Damen und Herren, wenn Sie nicht aus der Branche sind, kaum für möglich halten werden. Es geht um das Kino und/oder das Fernsehen in Deutschland. Ein klares Entweder-Oder. Ist also der Film heute Abend ein Fernsehfilm oder ist er ein Kinofilm? Und worin bestünde denn der dramatische Unterschied? Der Film, den Sie heute Abend sehen werden und der gerade ins Kino kommt, der sei doch, „jede Wette“, schreibt einer in der Kinozeitschrift epd-Film, ‚eigentlich‘ „für den Mittwochsslot im Ersten“ gemacht worden und gar nicht fürs Kino, oder? Das hat er gut erkannt. Der Film entstand fürs Öffentlich-Rechtliche Fernsehen der ARD, Ausstrahlung mittwochs um 20.15 Uhr im Ersten. Aber ein deutscher Kinofilmverleiher namens Benjamin Herrmann, Majestic Film Berlin, fand das Werk so witzig und tiefgründig, dass er es unbedingt zuvor ins Kino bringen wollte, wo man es auf der schönen großen Leinwand sehen kann – so wie heute Abend hier bei uns. Im Kino aber wird eine gewisse Exklusivität verteidigt. Man möchte nicht das zeigen, was die Mehrheit der Menschen im Land als Film kennt. Jedenfalls gilt das seit etwa einem halben Jahrhundert, als die meisten Menschen aufhörten, ins Kino zu gehen für die alltägliche Filmunterhaltung und dazu übergingen, Filme fast nur noch daheim vor dem Fernsehapparat zu schauen. Seitdem ist das Kino entweder nur für Jugendliche da und deren Interesse an großformatigen Ballerspielen oder für jene, die das Kino als Hort des Andersseins, der Abweichung vom Bürgerlichen verstehen. Danach darf das Kino zwar voll sein mit Beziehungsproblemen, die aber müssen sich vor allem mit der ersten Suche nach dem richtigen Partner befassen, nicht etwa mit dem Ehealltag danach. Idealerweise müssen die Filme überhaupt vom Durchbrechen des Alltags, von ungewöhnlichen Lebensversuchen und den Lebenskrisen der Jungen erzählen, auf keinen Fall aber vom durchschnittlichen Leben durchschnittlicher Menschen mit obendrein noch durchschnittlichen Lösungen. Am besten sind die Regisseurinnen und Regisseure deshalb selber so jung, dass sie gar nicht in Gefahr sind, allzu brav und alltäglich oder etabliert zu sein. Rainer Kaufmann zum Beispiel, im Jahr 1995. Da war er 36 Jahre alt und seit fünf Jahren fertig mit der Ausbildung für Regie an der Hochschule München, nachdem er zuvor ein Studium der Germanistik in Frankfurt am Main, dort wo ich auch war, absolviert hatte. Er drehte „Stadtgespräch“ – übrigens eigentlich fürs ZDF, dann aber entschied man, der sei auch etwas fürs Kino. Fast zwei Millionen BesucherInnen wird der Film im Kino erzielen. Rainer Kaufmann wird damit zum neuen Star am Kinohimmel Deutschlands. Er bringt nicht nur Moritz Bleibtreu, August Zirner, Martina Gedeck in diesem Film auf die Leinwand, sondern er macht vor allem Katja Riemann zu einem neuen Schauspielstar des Kinos, mit Preisen überhäuft. Rainer Kaufmann selber kassiert einen Regieförderpreis und dann den Bayerischen Filmpreis für diese Boulevardkomödie der Beziehungssuchenden. Aber was hat Rainer Kaufmann eigentlich überhaupt veranlasst, an das Studium der Germanistik und der damals neu erfundenen Filmwissenschaften (bei der wunderbaren Christine Noll Brinckmann, Schwester der Buchautorin Ingrid Noll) dann noch eine Regieausbildung in München anzuhängen? Dass er doch gern sein Arbeitsleben weniger dem Lebensgefühl des gehobenen Cineasten widmen wollte, als vielmehr der Leidenschaft, für viele Tausend, ja Millionen Menschen Geschichten zu erzählen. Dazu musste er in München das Handwerk erlernen und er musste begreifen, worin die Arbeit von SchauspielerInnen besteht. Denn vor allem durch sie und mit ihnen setzt Rainer Kaufmann seine ästhetischen Ambitionen durch, etwas weniger wichtig ist ihm vielleicht die fotografische Ebene des Films. Und wenn wir dann in der Biografie den Satz finden „Mit der Schauspielerin Maria Schrader hat er eine gemeinsame Tochter“, dann wissen wir auch, dass die kluge Maria Schrader, die später selbst Regisseurin wird, hier maßgeblich an seiner Ausbildung gewirkt haben dürfte. Sie war auch die Hauptdarstellerin gewesen in Rainer Kaufmanns allererstem Spielfilm „Einer meiner ältesten Freunde“ von 1994, mit dem er den Max Ophüls Preis von Saarbrücken gewann als Nachwuchsregisseur.

1997 dreht Kaufmann „Die Apothekerin“ nach dem Bestseller von Ingrid Noll. Man möchte an den Millionenerfolg von „Stadtgespräche“ anschließen. Die Hauptrolle spielt erneut Katja Riemann, gedreht wird unter anderem in Heidelberg, eine diesmal makabre Komödie der Beziehungsverwirrungen, ein Film, der mit Recht als „großer Wurf“ bezeichnet wird, bestimmt von einer faszinierenden Präsenz der Figuren. Rainer Kaufmann hat sich damit endgültig als ein Kinokünstler etabliert, der es wie wenige andere versteht, durch und mit dem Spiel seiner Darstellerinnen und Darsteller zu erzählen. Und der Coup gelingt: Auch „Die Apothekerin“, produziert von Hanno Huth und Günter Rohrbach, hat 1,6 Millionen ZuschauerInnen, Katja Riemann bekommt den Deutschen Filmpreis. Rainer Kaufmann ist der neue Stern am Himmel der Unterhaltungskünstler des Kinos. Er dreht „Kalt ist der Abendhauch“, wieder nach einem Roman von Ingrid Noll, mit Fritzi Haberlandt und August Diehl in den Hauptrollen, Geschichte einer Liebe, die 60 Jahre deutscher Geschichte umfasst.

Aber erst 2007 folgt ein weiterer Kinoerfolg mit „Ein fliehendes Pferd“ mit Katja Riemann, Ulrich Tukur, Ulrich Noethen, Petra Schmidt-Schaller – eine Sommerkomödie über ein Ehepaar, dessen Leben in Routine erstarrt ist. Der Autor Martin Walser hat sogar mitgearbeitet bei der filmischen Umsetzung seiner Novelle vom Bodensee. 360.000 BesucherInnen erreicht der Film im Kino. Ist das ein Erfolg? Jedenfalls ist es bis heute Kaufmanns letzter Kinofilm. Als dieser im April 2009 dann wie von Zauberhand auch zum Fernsehfilm wurde, weil ihn das ZDF ausstrahlte, sahen ihn 4,8 Millionen, mehr als das Dreizehnfache. Spätestens jetzt wird Rainer Kaufmann sich gefragt haben, welche der beiden Möglichkeiten, ein Filmwerk an die Menschen zu bringen, wohl die sinnvollere ist. Manche wundern sich noch heute, wieso Kaufmann seitdem vom Vertreter der neuen Welle deutscher Kinokomödien zu einem in ihren Augen schnöden Fernsehmacher geworden ist. Einer fragt ihn sogar, ob er sich nicht dafür schäme, wo doch damals seine Kinofilme immer so erfrischend gegen den Strich gebürstet gewesen seien, wie er ergänzt. Ja, er lote gern Abgründe aus, sagt Rainer Kaufmann. Aber anders als sein Frager meint er eben damit auch die eigenen Abgründe als Künstler, nicht nur jene, die sich gut im Kino verkaufen lassen. Deshalb weist er den Journalisten darauf hin, dass auch sein neuer Film „Und wer nimmt den Hund?“ ein solches Ausloten von Grenzen sei, hier aber eben jenes Grenzganges, der darin besteht, als Regisseur eine 40-minütige Therapiesitzung so zu verfilmen, dass der Zuschauer sich dabei nicht langweilt. Die Normalität einer alten Ehe soll spannend sein, nicht das spektakulär Andere. Dass er seit über zehn Jahren nur noch fürs Fernsehen gearbeitet habe, dafür habe es aber keine grundsätzliche Entscheidung gegeben, erzählt er, das habe sich so entwickelt, denn er arbeite zu gerne, als dass er die Geduld habe, jahrelang darauf zu warten, dass wieder mühsam die Gelder für ein neues Kinovorhaben zusammenkämen. Seine drei Kinder hätten Hunger gehabt, der Beruf sollte seine Familie und ihn auch finanzieren. 31 Spielfilme in den letzten 18 Jahren sind das Ergebnis. Und was für welche! „Marias letzte Reise“ zum Beispiel von 2005 mit Monica Bleibtreu, der Todkranken, die die Klinik verlässt, um zuhause an ihrem Staffelsee zu sterben, ein Drama gegen die Verwahrmedizin, aber mit einem lebenszugewandt-heiterem Grundton des Erzählens, zu Recht mit Preisen überhäuft, auch im Ausland, Sieger beim Fernsehfestival von Banff in Kanada. Oder „Das Beste kommt erst“ 2008, oder „Erntedank. Ein Allgäukrimi“, Sie erinnern sich?, die Heimatkrimikomödie mit Kluftinger. Dann „In aller Stille“, Grimme-Preis 2011, „es gehört zum Besten, was der deutsche Fernnsehfilm der letzten Jahre hervorgebracht hat“, schreibt einer. Oder „Föhnlage“, eine Art Italowestern im bayrischen Alpenvorland – und dann „Blaubeerblau“, Rainer Kaufmanns Meisterwerk mit Devid Striesow als erfolglosem Architekten, der ein Sterbehospitz umbauen soll und dann in einem der Sterbezimmer einen alten Schulfreund entdeckt, jenes so lebensfrohe Meisterstück über den Tod, dem unser Publikum 2012 den Preis als beliebtestem Film des Festivals verliehen hat.

Rainer Kaufmann dreht dann „Operation Zucker“ mit Nadja Uhl, die im Milieu der Kinderprostitution ermittelt, von dem aber nur eine gekürzte Version um 20.15 Uhr ausgestrahlt werden darf. Denn gemütlich macht es sich Rainer Kaufmann keineswegs, stets sollen die Themen auch wirklich präsent sein. 2013 entsteht dann „Ich will dich“, eine Liebesgeschichte. Das allein wäre noch nichts Besonderes, wenn es diesem Meister seines Faches Rainer Kaufmann nicht gelungen wäre, seine Erzählung vom plötzlichen Verliebtsein einer Frau in eine andere Frau zu einem großartigen Essay zu machen, dezent im Hintergrund, ein Essay darüber, dass Leidenschaft, wann immer sie auftritt, immer so unrealistisch ist wie zu Teenagerzeiten. Wir zeigen Ihnen dieses wunderbare Meisterwerk hier auf der Insel noch einmal am kommenden Dienstagabend, „Ich will dich“, nicht verpassen!

Ich habe mal addiert: in Kürze müsste Rainer Kaufmann mit seinen Filmen jene Anzahl an ZuschauerInnen erreicht haben, die der Gesamtzahl der Bundesbürger entspricht. Naja, so zehn Jahre muss er dafür noch arbeiten. Aber das soll er ja auch. Denn ich kenne keinen deutschen Filmregisseur, der es in vergleichbarem Ausmaß geschafft hat, mit dem eigenen Älterwerden – in diesem Jahr ist er 60 – zugleich nahezu das gesamte Spektrum des Lebens in immer neuen Geschichten auf eine Weise zu spiegeln, dass die meisten seiner Filme eine tiefe nachhaltige Wirkung hinterlassen. Das ist Filmkunst in seiner schönsten Ausprägung, das ist Filmkunst für das Leben. Absolut preisverdächtig!

Meine Damen und Herren, ich ende mit Rainer Kaufmanns eigenen Worten, kürzlich in einem Interview: „Ein lebensfremder Architekt, der durch eine Kuh den Tod versteht, ein schrulliger Kommissar aus dem Allgäu, eine Bäuerin, die in Frieden sterben will, eine lesbische Amour fou, ein düsterer, trauriger Film über Kinderhandel in Deutschland, ein Rachedrama, das im Mittelalter der Fugger spielt, und so weiter. Es ist immer noch möglich, mit seiner neuen Arbeit am Tag der Ausstrahlung fünf Millionen Menschen vor dem Bildschirm zu versammeln und zu beeindrucken. Manchmal sehne ich mich allerdings schon danach, meine Filme in einem großen Kinosaal vorstellen zu können, mitzuerleben, wie die Menschen aktiv vor der großen Leinwand mitgehen und – hoffentlich – verzaubert werden. Das ist vielleicht der Romantiker in mir.“

Rainer – wir helfen Dir da, in wenigen Minuten läuft Dein neuer Film hier im großen Kino und dass die Menschen mitgehen und sich verzaubern lassen, da hab ich nicht den geringsten Zweifel.

Ich freue mich sehr, dass Du hier bist und dass wir Dir jetzt unseren diesjährigen REGIEPREIS LUDWIGSHAFEN verleihen dürfen – meine Damen und Herren:

Rainer Kaufmann!

 

 

 

Preis für Schauspielkunst 2019 für Bjarne Mädel

Es war ein besonderer Tag damals. Paul Kuhn wurde 40, Al Jarreau 28, Liza Minelli 22 – und er fing an bei Null. Es ist der 12. März 1968, weltweit brechen Studentenunruhen aus und im beschaulichen Hamburger Vorort Reinbek macht auch er einen ersten wirkungsvollen Schrei. Die Welt begrüßt ein Baby, das 51 Jahre später hier zwei Riesenkinos gleichzeitig füllt, weil ihn alle sehen wollen. Unbedingt sogar. Meine Damen und Herren – da ist er und wir freuen uns sehr darüber: Bjarne Ingmar Mädel!

 

Reinbek 1968, das ist gesichert, sein Abitur hat er aber dann in Friedberg in Hessen gemacht. Und weil Bjarne keine Lust auf Wehrdienst gehabt hätte, sei er nach Amerika abgehauen. Das kann ja so nicht stimmen. Aber kurz mal Bauarbeiter in Kalifornien sei er dann schon gewesen, habe sich wohl aber auch als Student an der University of Redlands eingetragen für Weltliteratur. Wie auch immer: mit 17 heißt es an anderer Stelle, habe er einen Sommer lang im Hamburger Hafen gejobbt, dann aber sei er in Erlangen aufgetaucht, wo er Theaterwissenschaften und Literatur studiert habe.

Vielleicht muss man doch zur Erklärung einfügen, dass sein Vater Bauingenieur ist und viel unterwegs war, wie Bjarne Mädel erzählt, auch in Afrika zum Beispiel. „Da bin ich ihm hinterher“, erzählt er weiter, „habe ihn dort besucht und wollte bleiben. Fremdes Land, Hitze, Palmen, Schwimmbad, mit 14 fand ich das aufregend“. Nach der Schule in Deutschland hat Bjarne Mädel dann zwei Jahre in Kalifornien gelebt und studiert. Ob ernach Hollywood wollte, wird er gefragt. „Nee, ich wollte Schriftsteller werden“, sagt er, „ich las erst einmal alle großen Russen, Dostojewski und so, dann alle großen Deutschen und schließlich die Amis. Ich wollte Geschichten sammeln und habe das dann auch in verschiedenen Jobs getan. So war ich unter anderem auch für ein paar Wochen Putzmittelvertreter.“ Oder eben auch mal Bauarbeiter. Bjarne Mädel hat übrigens, um die wenigen persönlichen Dinge auch mitzuteilen, die es über ihn öffentlich gibt, eine Schwester, die seit über 20 Jahren in den USA lebt, mit fünf Kindern auf einer Farm in Oregon, „leicht andere Lebensinhalte als ich also“, sagt er.

 

1992, da war er 24, treffen wir ihn dagegen in Potsdam an der Hochschule für Film und Fernsehen. Hier hat er sich zum Schauspieler ausbilden lassen. Das ist auf jeden Fall auch ein Fakt. 1996 ist er fertig. Das Volkstheater Rostock nimmt ihn, den 28-Jährigen, und kann ihn drei Jahre halten. Sein schönstes Erlebnis aus dieser Zeit?, wird er gefragt. Das sei in Rostock gewesen, erzählt er. „Da hatte ich mein erstes Engagement, großes Haus, 600 Plätze – und dann sitzen nur 18 drin. Ich glaube, ab 20 mussten wir spielen. Zur Pause sind fünf gegangen, da haben wir uns gefragt, spielen wir noch zu Ende oder gehen wir mit den 13 jetzt ins Kino. Das war zermürbend“. Mädel ist dort wieder weg, wieder zurück in Hamburg, nein, nicht im Hafen, sondern als Mitglied im Ensemble des Schauspielhauses Hamburg, bis 2005.

Aber auch das war ihm nicht genug. Weshalb er 2004 in der Fernsehserie „Stromberg“ auf ProSieben erscheint, einer Doku-Soap, eine preisgekrönte Serienkomödie unter der Regie von Arne Feldhusen und Andreas Theurer, in der improvisiert wird, was das Zeug hält. Und einer mit Schweißflecken und merkwürdigen Krawatten, den sie Ernie nennen nach dem Vorbild der „Sesamstraße“, der zu Depressionen neigt und zu Wutanfällen und bei all dem einen faszinierend-schillernden Charakter verkörpert, bringt sich zum ersten Mal bundesweit ins Gespräch: Ernie alias Bjarne Mädel ist da. Den Drehbuchautor von Stromberg Ralf Husmann animiert sein herausragendes Können dazu, ihm eine eigene Comedy-Serie auf den Leib zu schreiben, die 2009 ausgestrahlt wird: „Der kleine Mann“, eine Satire auf die Sehnsucht, unbedingt berühmt zu werden, die Bjarne Mädel die ersten Nominierungen für den Bayerischen Filmpreis und den Deutschen Comedypreis einbringen.

Zur selben Zeit beginnen auch die Dreharbeiten und dann erste Ausstrahlungen einer weiteren Serie, die ihn berühmt machen wird in Deutschland und die Sie heute noch jede Woche in Wiederholungen genießen können. Die Rede ist von „Mord mit Aussicht“, von der es 39 Folgen von je 50 Minuten geben wird, nach einer Idee von Marie Reiners, in der in dem Örtchen Hengasch in der Eifel eine Kriminalkommissarin, gespielt von Caroline Peters und einen Mitarbeiter namens Schaeffer gibt, gespielt von Bjarne Mädel. Der ist eine Seele von Mensch, rührender Ehemann und latent tollpatschiger Polizist aus Leidenschaft. Er spielt als spiele er das keine Sekunde lang, sondern sei einfach so einer wie dieser Schaeffer. So zu spielen, als spiele er gar nicht – das wird zum Markenzeichen dieses Schauspielers. Man könnte wetten drauf: In den sieben Jahren der Ausstrahlung hätte man ihm als Kommissar nicht nur in der Eifel jederzeit vom merkwürdigen Treiben der Nachbarn, „Sie müssen da mal nachschauen, Schaeffer“, erzählt. „Mord mit Aussicht“ wird jedenfalls immer beliebter, läuft im Hauptprogramm der ARD, aber auch in Österreich, ja, sogar in Italien, „Un Commissario in Campagna“, oder in Estland. Als Bjarne Mädel aussteigt, weil die Serie jetzt so lieblos gemacht werden würde, wie er der Zeitung sagt, womit sich die Erfinderin der Serie Marie Reiners solidarisiert, ist es auch bald vorbei damit. Hat er sie also heimlich eigentlich zusammengehalten?

Denn seit 2011 ist Bjarne Mädel zu einer Art Superstar der deutschen öffentlich-rechtlichen Serien geworden. Aber bevor ich davon spreche, will ich nicht vergessen, darauf hinzuweisen, dass das Serienmachen das Wirkens dieses Schauspielers ja keineswegs umfasst. In 34 Spielfilmen hat er bis heute mitgewirkt. 2006 in „Die Könige der Nutzholzgewinnung“ spielt er die Hauptrolle in einer Komödie um einen Holzfällerwettbewerb, 2007 die Hauptrolle in „Partnertausch“ von Thorsten Schmidt und den Max in „Meine schöne Bescherung“ von Vanessa Jopp, 2008 in „Die Schimmelreiter“ von Lars Jessen, 2012 in „Schief gewickelt“ von Lars Becker, 2014 ist er noch einmal der Ernie in „Stromberg – Der Film“, der den Serienerfolg ins Kino bringen will, wo er tatsächlich mit über einer Million ZuschauerInnen prächtig funktioniert. Bjarne Mädel ist bei „Beste Freunde“ dabei und 2015 bei „Mord mit Aussicht“, wo unter der Regie von Jan Schomburg der Serie ein finales Kinodenkmal gesetzt wird. Vermutlich aber war Bjarne Mädel ganz froh, dass es vorbei ist. Wer in einer Rolle berühmt wird, trägt auch die Last, sie wieder loswerden zu müssen. „24 Wochen“ heißt der Film in der Regie von Anne Zohra Berrached, den wir hier auf der Insel gezeigt haben und in dem Mädel neben Julia Jentsch in einer Rolle glänzt, die so gar nichts mit dem Komödiantischen zu tun hat, für das er berühmt wurde. Hier ist er ein junger Ehemann, der entscheiden muss, ob er mit seiner Frau ein Kind zur Welt bringen will, das mit dem Down-Snydrom zur Welt kommen wird. Ein preisgekrönter Beitrag der Berlinale, bei dem das Kabarettistische klug im Hintergrund Revue passiert – aber als Beruf seiner Frau Astrid, dem er nur zuschaut. 2016 wird Bjarne Mädel in der Hauptrolle von „Wer aufgibt ist tot“ von Stephan Wagner zum Handelsvertreter Lohmann, der angetrunken mit seinem Auto in einem Tunnel verunglückt – und die letzten Sekunden seines Lebens als Rückblick erlebt. Auch diesen großartigen Film haben wir Ihnen hier auf der Insel präsentiert. Es ist ein Film, in dem die komödiantischen Elemente, für die Bjarne Mädel berühmt ist, wie in einem Rückblick noch einmal auftauchen dürfen. Mädel spielt in vielen Filmen in den letzten Jahren, in „Wellness für Paare“ zum Beispiel oder in Andreas Dresens „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“, in „Magical Mystery oder:Die Rückkehr des Karl Schmidt“ von Arne Feldhusen, in dem Jugendfilm „Es war einmal Indianerland“ oder in Andreas Dresens großartigem „Gundermann“, dieses Jahr hier zu sehen, oder „Was uns nicht umbringt“, ebenfalls im Programm. Sie konnten ihn letztes Jahr erleben in „1000 Arten Regen zu beschreiben“ von Isabel Prahl, wo Bjarne Mädel in der Hauptrolle den Vater spielt, der ratlos und machtlos zusehen muss, wie sein 18-jähriger Sohn sein Zimmer und den Bildschirm nicht mehr verlässt. Und Sie werden ihn gleich erleben in „25 km/h“ von Markus Goller, in dem er als Bruder von Lars Eidinger – und dies wahrhaftig brüderlich kongenial – mit dem Moped durchs Land zieht, durch ein Deutschland von seiner witzigen Seite, als gutmütiger Bruder, der daheim geblieben war und Tischler wurde in Löchingen und sich klein fühlt neben dem weltgereisten Bruder und zugleich doch der eigentliche Held ist. Bjarne Mädel hat nebenbei auch bei fast 30 Hörspielen mitgewirkt, hat den Ernst-Lubitsch-Preisgewonnen und den Deutschen Schauspielpreis, den Grimme-Preis – und ganz am Anfang auch den „Förderpreis für Schauspielstudenten des Bundesministers für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie“ und zwar für seine darstellerischen Leistungen in „Die Kannibalen“ von George Tabori – aber das wurde nichts mit dem Theater. Schade fürs Theater, gut für uns.

Und weil ich ja weiß, dass Sie auch das wissen wollen, sei ergänzt, dass es ihm gut geht, glücklich liiert mit einer gebürtigen Französin, für die er, wie berichtet wurde, der Liebe wegen 2006 von Hamburg nach Berlin ging, was ein gewaltiges Opfer gewesen sei, wie es heißt. Wieso?, wird er gefragt, was er denn in Berlin vermissen würde? „Den norddeutschen Humor“, sagt er. Ein Freund habe ihm mal eine Szene aus dem Berliner Schillertheater erzählt, der damals dort Regieassistent war. In der ersten Reihe habe ein Mann gesessen und der nölte die ganze Zeit rum: „Och, dit jeht doch nich, nee, jetzt kommt der ooch noch, also, wat is’n dit hier?“ Bis einer von hinten aufstand und brüllte: „Sie da vorne, dass dit scheiße ist, dit sehn wa selber!“ In Norddeutschland, erzählt Bjarne Mädel dagegen ginge das so: „Ingrid Andree spielt ‚Die Stühle‘ von Ionesco. Da gibt es eine Stelle, wo immer mehr Stühle auf die Bühne gestellt werden, und sie sagt: Stühle, Stühle, ich brauche mehr Stühle. Da steht ein älterer Herr in der dritten Reihe auf und sagt sehr höflich: „Frau Andree, hier werden gleich zwei frei.“

 

Vor ein paar Wochen, meine Damen und Herren, am 31. Mai, erschien auf Netflix eine neue deutschsprachige Serie namens „How to Sell Drugs Online (Fast)“ – und in der erklärt der Dealer Buba den Kids mal wie das geht. Ich fürchte, sie werden es ihm glauben. Schließlich ist Bjarne Mädel dieser Buba. Reden wir also noch einmal vom Serienmachen. Und ich erinnere mich noch gut, wie ich ihn selber zum ersten Mal auf dem Bildschirm als diesen Schotty sah und ich weiß noch, dass ich außer Stande war, wieder weg zu schalten. Denn dieser „Tatortreiniger“ war ein Novum. Eine Figur wie wirklich aus dem Leben gegriffen, jedenfalls, wie man sich das Leben wünscht, wenn es witzig und klug zugleich sein soll und die Verhältnisse buchstäblich von unten aufrollt. Ein Lob, ein Riesenlob der Autorin Mizzi Meyer, die eigentlich Ingrid Lausund heißt und Regisseurin und Theaterautorin ist. Ein Lob auf Arne Feldhusen, den Regisseur. Aber genial und ohne Beispiel war das, was Bjarne Mädel hier leistete. Dass er stets so spielte, als könne das unmöglich nur gespielt sein, sagte ich schon. Dass er dies aber in kammerspielartigen Szenen lückenlos durchhielt, das war und ist einfach großartig. Und dass er es schaffte, in ein und demselben Satz zugleich naiv, ja ein bisschen blöd und hintergründig höchst klug und clever zu wirken, das, glaube ich, macht ihm keiner nach. Als die Serie vom NDR im Dezember 2011 gestartet wurde, gab es übrigens kaum ZuschauerInnen. Aber im Netz via Facebook und Twitter wurde dieser „Tatortreiniger“ rasch zum Hype, ja, zum Geheimtipp unter jungen ZuschauerInnen. Ich glaube, meine Söhne kennen jede Folge. Dieser Bjarne Mädel erschien und scheint ihnen nämlich einer von ihnen zu sein. Sie lieben ihn dafür, dass er in allem, was er macht, zugleich auch einen neuen Typ Mann verkörpert: einen, der keinen Herrschaftsanspruch erhebt, einen, der jederzeit auch über sich selber lachen könnte, der es nicht nötig hat, sich stärker zu geben als er ist, der kein Heldentum braucht, um ein Held zu sein – ein Held der Situationen, die er – zumindest als Schauspieler – beherrscht wie kaum ein anderer. Ob er das damals in Hamburger Hafen gelernt hat? Oder in Kalifornien an der Hochschule? Oder doch in Potsdam? Oder einfach ob es einfach angeboren ist, von damals im März 1968?

Meine Damen und Herren, wir sind stolz und freuen uns sehr, ihm jetzt unseren diesjährigen „Preis für Schauspielkunst 2019“ überreichen zu dürfen – bitte begrüßen Sie mit mir auf der Bühne – Bjarne Mädel!

Preis für Schauspielkunst 2019 für Julia Koschitz

Meine Damen und Herren, ich heiße Sie herzlich willkommen zu diesem besonderen Abend in der letzten Woche des diesjährigen Festivals, willkommen zur Verleihung unseres Preises für Schauspielkunst 2019 an eine großartige Schauspielerin im Land, über deren Besuch hier auf der Insel wir uns sehr freuen – bitte begrüßen sie mit mir – Julia Koschitz!

 

Es beginnt in Brüssel. Am zweiten Weihnachtsfeiertag 1974 kommt sie zur Welt, als Tochter von Eltern, die aus Wien stammen und die es aus vermutlich beruflichen Gründen nach Belgien verschlagen hat. Fünf Jahre wird die kleine Julia dort leben, dann geht es nach Deutschland, nach Frankfurt am Main, wo sie mit ihrem älteren Bruder aufwächst, im Frankfurter Nordend, glaube ich, jedenfalls macht sie dort Abitur, Anfang der 90er Jahre. Und dann? Sie denkt, sie könnte Tänzerin werden, schließlich hat sie schon mit vier Jahren angefangen mit dem Ballettunterricht. Aber wirkt sie nicht eher introvertiert und schüchtern, fast so, als würde es sie eher erschrecken, wenn die Scheinwerfer auf sie gerichtet sind? Ja es wirkt so. Aber es ist so wenig wahr wie es bei einer anderen großen Schauspielerin wahr gewesen wäre, die einem unwillkürlich einfällt, einer verblüffenden Ähnlichkeit wegen: Audrey Hepburn.

Das Gesicht, das Lächeln. Und dies immer so, als würde beständig etwas versteckt werden, etwas, das die eigentliche, die heimliche Persönlichkeit sein könnte. Julia Koschitz beherrscht das meisterlich. Jede Geste, die gleich erst noch kommen wird, ist schon einmal kurz vorher auf ihrem Gesicht zu sehen, als Entschlossenheit, als Gedanke, der der Handlung vorausgeht. Das hat in der Tat etwas Tänzerisches, etwas Leichtes. Zugleich aber ist dieses Gesicht auch bestimmt davon, zutiefst entschlossen zu sein, zäh und unnachgiebig. Wer das nicht für möglich hält, der wird es in Kürze lernen, nämlich in ihrem neuen Film, den wir für diesen Abend ausgesucht haben, „Im Schatten der Angst“, Regie Till Endemann, in dem Julia Koschitz eine Kriminalpsychologin spielt – und das ist die, die, falls Sie gestern Abend etwas Schlimmes getan haben, es hundertprozentig herausfinden wird, und zwar ganz sanft aber darum um so entschiedener.

 

Mit 21 beginnt Julia Koschitz eine Schauspielausbildung am Konservatorium in Wien. Das war klassisch, ziemlich klassisch. Vielleicht wollte sie aber auch nur dorthin, weil die Eltern dort herkommen, weil die Großeltern dort leben, und ihr Bruder auch, also dort ihre Wurzeln sind oder zumindest sein könnten. Die Eltern hätten ihr Wienerisch jedenfalls nie abgelegt, erzählt sie, und es sei ihr deshalb sehr vertraut. Aber sie habe es nie wirklich übernommen, wäre auch komisch gewesen, dort im Nordend zwischen dem ganzen Frankfurterisch. Sie studiert also in Wien, aber sie wird dort nicht arbeiten, „sprachlich als Österreicherin nicht richtig einsetzbar“, sagt sie. Sie geht zurück nach Deutschland. Sie geht ans Theater. Nun will ich auf keinen Fall etwas gegen das Theater sagen, um Gottes Willen! Aber es ist doch eher schade, wenn sie dort ist oder zumindest dort geblieben wäre, denn wofür sonst als für die Kamera, für die Nahaufname der Kamera, ist dieses wunderbare Spielen mit ihrem Gesicht gemacht, die Augen, die so eindringlich gucken können, forschend und nicht aufzuhalten, eine Gesichtsmimik, mit der sie fast tanzen kann, in wunderbar nuanciertem Feinspiel.

 

Aber damit Sie sich das mit der Karriere nicht so flüssig und glatt vorstellen, sei auch erwähnt, dass Julia Koschitz, wie sie berichtet, eigentlich ziemlich ratlos gewesen sei damals, dass sie in einer Sinnkrise gesteckt habe, als sie nach Wien ging und dort eine Art Zuhause suchte. Sie hätte im Grunde keine Ahnung gehabt, was aus ihr werden solle, erzählt sie. Bühnenbildnerin vielleicht? Aber da war eine Frist abgelaufen für die Bewerbung. Da haben wir also noch mal Glück gehabt. „Dann studiere ich eben Theaterwissenschaften“, sagt sie sich. Auch hier haben wir Glück, weil sie das wieder abbricht. Jetzt erst geht sie aufs Konservatorium, denkt, dass sie auch Schauspielerin werden könnte. Ich ahne mal, dass die Eltern besorgt waren, zumal der große Bruder vermutlich ganz was Ordentliches studiert hat. Aber ich weiß es nicht, wie man eigentlich so gut wie nichts weiß über diese Julia Koschitz. Sie erzählt nämlich nichts. Und das, obwohl die einschlägigen Zeitschriften ihr bestimmt keine Ruhe gelassen haben. Zu gern würden sie wissen, „Frau Koschitz, und gibt es da nicht einen Mann in ihrem Leben?“ Tja, nichts Genaues weiß man nicht. Mir gefällt das ja. Und zu ihrem Gesicht mit den vielen Rätseln, die es aufgibt, passt es großartig.

 

Nach der Schauspielausbildung geht es erst einmal in die Provinz, nach Coburg, ans dortige Landestheater. Warum auch nicht? So etwas wie Karriereplanung hatte Julia Koschitz nicht. Von Coburg gings nach Regensburg, Büchner, Kroetz, Brecht, Bernhard, Schiller, Shakespeare, Schnitzler – alles dabei. Auch bei den Kammerspielen von Landshut taucht Julia Koschitz auf. „Es war eigentlich ein unglaublich langsamer Weg“, erzählt sie, „und es gab Zeiten, in denen ich das Gefühl hatte, ich trete auf der Stelle.“ Dann die Bayerischen Theatertage, und Julia Koschitz gewinnt einen Darstellerpreis für die Hauptrolle in Ibsens Nora. Beinah hätten wir Pech gehabt und sie wäre beim Theater geblieben. Aber sie war schon abtrünnig geworden, die erste Filmkamera hatte sie schon aufgespürt und sie ins Bild gesetzt. Als Polizistin Sandra Holzapfel taucht sie 2004 in der Serie „München 7“ auf. Und 2006 wird sie eine der neun partnersuchenden Frauen sein im Spielfilm „Shoppen“ von Ralf Westhoff, einem Speed-Dating-Drama, für das der Autor und Regisseur den Bayerischen Filmpreis gewinnt. Das habe ihr sehr geholfen, erzählt Julia Koschitz, dies und dann die Rolle einer Ärztin in der Krankenhauskomödienserie „Doctor‘s Diary“ auf RTL und ORF, die sich von 2008 bis 2011 hinzieht.

Im Spielfilm „Putzfrau Undercover“ spielt sie und 2009 bei Nikolaus Leytner in der Kriminalkomödie „Der Fall des Lemming“. Nach einem Drehbuch unseres Preisträgers Martin Rauhaus folgt dann ein Auftritt in der Komödie „Ein Hausboot zum Verlieben“, und zwar schon ein maßgeblicher: Sie spielt die weibliche Hauptrolle der verführerischen Isabell, der ein Politiker zum Opfer fällt. Das glauben wir sofort. Ab 2009 häufen sich die Filmrollen überhaupt. Bei Tim Trageser erscheint sie neben Anna Loos und Hans-Jochen Wagner in der ZDF-Produktion „Wohin mit Vater?“, bei Ralf Westhoff 2010 hat sie die Hauptrolle in „Der letzte schöne Herbsttag“,  einem hoch gelobten Liebesfilm, deren exzellente Dialoge Koschitz, wie es heißt, meisterlich umzusetzen verstand. Im Jahr 2011 sieht man Julia Koschitz erneut als junge Ärztin, diesmal in „Das Wunder von Kärnten“, mit einer Million ZuschauerInnen in Österreich und fast sechs in Deutschland, in „Der letzte schöne Tag“ von Johannes Fabrick, wieder als Ärztin – vermutlich kann sie langsam auch medizinische Behandlungen durchführen. Sie spielt in „Ruhm“, der filmischen Umsetzung einer großartigen Erzählung von Daniel Kehlmann, die davon geprägt ist, dass keine der auftretenden Personen nicht auch eine pure Phantasie seines Autors sein könnte, ein Film, der allerdings dieser Ausgabe der Literaturverfilmung nicht ganz gewachsen ist, auch wenn Julia Koschitz natürlich ihre Rolle glänzend spielte. Nicht in all den Filmen kann Julia Koschitz die Substanz finden, die sie stets eigentlich sucht, wie sie sagt, denn sie täte sich schwer, wenn ein Drehbuch für sie nicht schlüssig sei, so wie ihr überhaupt die eigene Rolle nicht so wichtig sei wie das Ganze des Filmprojekts, die ganze Geschichte, die erzählt würde, und deren Qualität.

 

Mindestens fünf, oft acht Filmrollen spielt Julia Koschitz jetzt pro Jahr in einem unglaublichen Spektrum von Komödien, Krimis und Dramen aller Art. 2013 ist der Film „Pass gut auf ihn auf“ dabei, Regie Johannes Fabrick. Darin spielt sie eine junge Frau, die als neue Geliebte eines älteren Mannes erfährt, dass sie selbst todkrank ist und dann, dies verschweigend, daran arbeitet, dass ihr Geliebter nach ihrem baldigen Tod wieder zurück geht zu seiner Exfrau und mit ihr und den Kindern aus beiden Ehen zusammenlebt. Wie einer schreibt, muss aus einer solchen Story eigentlich ein Schmalzfilm entstehen, mit einer Schmalzmenge, die sich „wie eine Springflut ins Wohnzimmer ergießt“, wie er sagt. Aber nichts davon geschieht. Anstatt emotionaler Überwältigung, glänzt der Film durch das feine Spiel der AkteurInnen, Julia Koschitz ganz vorne dabei und weit davon entfernt, ihre Rolle als Klischee zu spielen. Man glaubt ihr einfach, dass sie ist, was sie spielt und in diesem Film ganz besonders. Julia Koschitz wird 2014 drei Preise bekommen für diese eine Rolle: den Bayerischen Fernsehpreis, den Deutschen Schauspielpreis und die Goldene Nymphe beim Fernsehfestival von Monte Carlo. Wer es bis dahin noch nicht gemerkt hatte, der hatte es jetzt quasi schriftlich: dass Julia Koschitz zu eine der großen Schauspielerinnen Deutschlands geworden war, aller Wiener Abstammung ebenso zum Trotz wie der Geburtsstadt Brüssel. Sie kann es wie wenige andere. Sie kann es in dem Film „Hin und Weg“ neben Florian David Fitz, in „Harter Brocken“ von Stephan Wagner, unglaublich beeindruckend als falsche LKA-Beamtin in diesem Thriller aus dem Harz, den wir Ihnen hier auf der Insel 2016 präsentiert haben. Sie kann es, wieder bei Nikolaus Leytner, vor allem in der Hauptrolle in „Am Ende des Sommers“, einer österreichisch-deutschen Koproduktion, in der Koschitz vor fünf Millionen ZuschauerInnen die Hauptrolle spielt, ebenso wie in „Unsichtbare Jahre“ von Johannes Fabrick, diesmal als Stasi-Agentin im Westen, „in einer ihrer bislang vielschichtigsten Rolle glänzend“, schreibt die Kritik. Denn Koschitz schafft es, obwohl sie hier keinerlei Sympathierolle verkörpert dennoch den Zuschauer so mitzunehmen, dass er ihr gerne noch bis in die Zwischentöne folgt. Auch in Fabricks preisgekröntem „Zweimal lebenslänglich“ spielt sie die Hauptrolle neben Felix Klare, und zwar so großartig, dass man ihr die ganze Ambivalenz von Vertrauen und Misstrauen, von Liebe und Zurückziehen in jeder Sekunde des Filmes glaubt. 2015 dreht sie „Schweigeminute“ von Thorsten M. Schmidt und in dem Zweiteiler „Das Sacher“, dann 2016 in „Spuren des Bösen“ in der Folge „Begierde“ und in der Komödie „Happy Burnout“. In „Gift“ ist sie die Interpol-Agentin neben Heiner Lauterbach, die sich mit einem Pharma-Konzern anlegt, es folgt „Der Bankraub“ und ein Tatort „Mord ex Machina“, eine Rolle in der österreichischen Fernsehreihe „Stadtkomödie“ und dann die weibliche Hauptrolle als Carola in dem Kinofilm „Wie gut ist deine Beziehung?“ von Ralf Westhoff, ein Ehepaar in der Krise. Zuletzt hat sie, neben dem Film, den sie nachher sehen werden, die Hauptrolle der Architektin Marie in Vivian Naefes „Balanceakt“, der letzte Woche, am 26. August, ausgestrahlt wurde. Julia Koschitz laufe hier zur Höchstform auf, heißt es in der Kritik, überragend glaubwürdig sei ihr Spiel.

Glaubwürdigkeit ist das Stichwort. Julia Koschitz stellt sie in all ihren Rollen her, so gut der Film es freilich insgesamt zulässt. Aber wenn Buch und Regie stimmen, dann ist Julia Koschitz nicht mehr aufzuhalten. Längst ist die vermeintliche Schüchternheit einem virtuosen Spiel mit dem gewichen, was sich diese Schauspielerin denken mag, wenn sie in die Haut einer anderen schlüpft, zu einem anderen Menschen wird, und das immer so, als würde sie ahnen, dass auch dieser andere Mensch gar nicht so genau wissen kann, wer er eigentlich ist, etwas vorspielend wie sie, einen anderen anschauend, in sich selbst hineinsehend und damit dieses wunderbare Vexierspiel spielend, für das die Filmkunst geeignet ist wie keine andere. Nach über 50 Filmen, in denen sie ihr außergewöhnliches Können mit Bravour bewiesen hat, wurde es Zeit, dringend Zeit, auf diese großartige Künstlerin mit Nachdruck hinzuweisen. Und das tun wir jetzt mit großer Freude und überreichen ihr unseren diesjährigen „Preis für Schauspielkunst 2019“! Meine Damen und Herren – Julia Koschitz!

Rede zum Festivalfinale 2019

Die 15. Ausgabe des Festival des deutschen Films Ludwigshafen am Rhein geht morgen zuende. Es wird dann die bisher beste Ausgabe seit Bestehen dieses Filmfestivals sein, und das in mehrfacher Hinsicht. Quantitativ werden wir vermutlich erneut eine leichte Steigerung der Besucherzahl haben – und das trotz der erschwerten Zufahrt von der anderen Rheinseite, von Mannheim und Heidelberg her, durch den wegen Baufälligkeit gesperrten südlichen Zubringer. Wir rechnen mit 121.000 BesucherInnen. Eine Zahl, bei der sich dieses Festival offenbar nun eingependelt hat und die, je nach Wetter und Laune, immer etwas unter- oder etwas überschritten wird. Wir sind damit das zweigrößte Filmfestival Deutschlands bezüglich der Beliebtheit bei den BesucherInnen, und das unter über 300 Filmfestivals im Land. Wir sind ein Publikumsfestival der neuen Art. Bei uns wird die Filmkunst gefeiert in einer schönen Mischung aus künstlerischer Qualität und Lebensfreude, gefeiert, wie als würden wir uns treffen an einem großen Lagerfeuer der bewegten Bilder, uns gemeinsam in diese faszinierende Kunst versenkend, sie genießend und seien die Geschichten, die erzählt werden, auch noch so ernst und dramatisch aber manchmal auch beschwingend fröhlich. Wir erfreuen uns erstmals in diesem Jahr auch an einer gewissen Verjüngung des Publikums, die um so wichtiger ist, als junge Erwachsene normalerweise immer seltener ins Kino gehen. Wir erfreuen uns auch einer steigenden Zahl ganz junger ZuschauerInnen, nämlich rund 10.000 Kindern, die hier morgens mit ganzen Schulklassen die Festivalkinos stürmen. Und wir erfreuen uns manchmal schon am Nachmittag gut gefüllter, ja manchmal ausverkaufter Kinos – und das, obwohl wir zu jeder Stunde rund zwei Tausend Sitzplätze in den drei Kinos anbieten, ergänzt von einem Kino unterm Sternenhimmel, dem Open Air, das praktisch an jedem Abend ausverkauft war. Wir seien ein großartiges Publikumsfestival sagen die FachbesucherInnen und sind ganz erstaunt und sprachlos, wenn sie vor über tausend Zuschauern ihre Filmwerke präsentieren dürfen. Allerdings nur, wenn sie zum ersten Mal hier sind. Und es werden immer weniger FilmproduzentInnen, FernsehredakteurInnen, SchauspielerInnen oder RegisseurInnen, die erst zum ersten Mal auf unsere Insel kommen. Denn auch das haben wir geschafft und konstatieren es in diesem Jahr mit großer Freude in ganz besonderem Maße: dass wir für die Film- und Fernsehbranche Deutschlands zu einem regulären Treffpunkt geworden sind, zu einer sehr beliebten und wie wir hören einmalig schönen und intensiven Möglichkeit der Begegnung auch untereinander, zu einem Hotspot der anderen Art. Wie wichtig und erfreulich das ist, das kann man erst ermessen, wenn man weiß, wie hoch und intensiv die Motivation sein muss, zu einem Filmfestival zu reisen, das so weit weg ist von den Städten, in denen die Branche gewöhnlich lebt und arbeitet. Wir leben davon, dass wir auch für diese Fachleute anders sind als die anderen, die anderen Filmfestivals, die stolz sind auf ihre geschäftliche Bedeutung aber oft von einer gewissen Freudlosigkeit geprägt sind oder bei denen einfach das Bad in der Menge und die damit verbundene Erfahrung intensiver Anteilnahme am Werk, intensiven Wiederhalls, nicht möglich ist, weil die Besucherzahl viel kleiner ist als bei uns. Oder weil sie einfach nicht in der fröhlichen Pfalz stattfinden. Hundertprozentig über 10.000 Weinschorlen werden wir verkauft haben am Ende des Festivals.

Das Festival des deutschen Films Ludwigshafen am Rhein hatte noch nie seit seinem Bestehen so viele Fachbesucher an Filmproduzentinnen, Fernsehredakteure, Schauspielerinnen oder Regisseuren wie in diesem Jahr. Mit Begeisterung nutzten sie die 19 Tage für intensive Begegnungen und Gespräche, durchaus auch Geschäftsgespräche, untereinander, glücklich darüber, dass hier auf der Insel viel mehr Zeit dafür zur Verfügung steht als sonst gewöhnlich auf den Branchenbegegnungen im Minutentakt flüchtiger Begrüßungen. Unsere intime interne und etwas versteckte Grillecke auf dem Festivalgelände ist zu einem regelrechten Markenzeichen des Festivals geworden.

400 FachbesucherInnen und 100 PressevertreterInnen hatte die 15. Ausgabe des Festivals. Hinzu kamen 3.500 Ehrengäste während der 19 Tage und voraussichtlich 117.000 verkaufte Tickets. Rund 121.000 BesucherInnen insgesamt. Wir haben Ihnen 52 neue deutsche Filme im Wettbewerb um Rheingold gezeigt, den Publikumspreis des Festivals, für den Filmkunstpreis nominiert waren davon 14 Filme und für den Medienkulturpreis nominiert acht Filmwerke. Neben diesen 53 neuen deutschen Filmen gab es 13 Filmwerke aus aller Welt zu sehen in der Reihe „Weltkino“, die als willlkommene Ergänzung des Angebots von über 10.000 Menschen besucht wurde. Neun Filme gab es im praktisch jeden Tag ausverkauften im Open-Air-Kino zu sehen und die neun Filme im Kinderfilmfestival haben wie gesagt gut 10.000 Kinder gesehen.

 

Das Festival des deutschen Films ist ein Leuchtturm geworden – für Ludwigshafen am Rhein innerhalb der Region und zugleich für die Region in ganz Deutschland. Wir freuen uns, dieser Industriestadt ein Glanzlicht geben zu können, nach innen wie nach außen, und ihr damit vielleicht auch zu helfen, ein bisschen aus dem Schatten zu treten auch mancher Nachbarstadt. Und wir tun es zu gegenseitigem Nutzen: Was wir Ludwigshafen geben, das gibt uns diese Stadt zurück, nämlich mit der Parkinsel, ohne deren Atmosphäre wir niemals das geworden wären, was wir sind. Ich bedanke mich an dieser Stelle von Herzen bei der Stadtgesellschaft und zusätzlich und besonders bei den unmittelbaren AnwohnerInnen. Und ich bedanke mich herzlich bei unseren Förderern und Sponsoren, ohne die trotz hoher Eigeneinnahmen dieses jährliche Filmfestival nicht realisierbar wäre. Unseren und Ihren Dank, meine Damen und Herren!

 

Und last not least Sie, verehrtes Publikum. Berühmt sind sie schon in der Branche: weil Sie in unglaublicher Lebendigkeit mitgehen mit den Filmen, beharrlich nachfragen in den Filmgesprächen, an denen in diesen 19 Tagen viele Tausend von Ihnen teilnahmen. Wenn es ginge, würden wir Ihnen auch einen Preis verleihen – nämlich für das weltbeste Festivalpublikum, mindestens einen Applaus aber haben Sie, und sei es für sich selbst, garantiert verdient!

 

Beginnen wir mit der Preisverleihung der 15. Ausgabe des Festival des deutschen Films Ludwigshafen am Rhein.